Die Gewerkschaft Verdi hat eine neue Tarifrunde für den öffentlichen Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen eingeläutet. Im Mittelpunkt stehen nicht höhere Löhne, sondern bessere Arbeitsbedingungen für die rund 30.000 Beschäftigten. Für Fahrgäste in Köln und der gesamten Region könnte dies erneut zu erheblichen Einschränkungen bei Bus und Bahn führen, sollten die Verhandlungen scheitern.
Am Donnerstag übergaben rund 100 Beschäftigte des Nahverkehrs in Wuppertal symbolisch ihre Forderungen an den Kommunalen Arbeitgeberverband NRW (KAV NW). Damit ist der offizielle Startschuss für die Verhandlungen gefallen, die für Pendlerinnen und Pendler weitreichende Folgen haben könnten. Die erste Verhandlungsrunde ist für den 21. Januar 2026 in Köln angesetzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Gewerkschaft Verdi hat die Tarifverhandlungen für den ÖPNV in NRW gestartet.
- Im Fokus stehen bessere Arbeitsbedingungen wie kürzere Arbeitszeiten und längere Ruhephasen.
- Löhne sind nicht Teil der Verhandlungen, da sie an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) gekoppelt sind.
- Die Friedenspflicht endet am 1. Januar 2026, danach sind Warnstreiks möglich.
- Rund 30.000 Beschäftigte, unter anderem bei der KVB in Köln, sind betroffen.
Forderungen für Entlastung statt mehr Geld
Anders als in früheren Tarifrunden konzentriert sich Verdi in NRW diesmal ausschließlich auf den sogenannten Manteltarifvertrag, der die Rahmenbedingungen der Arbeit regelt. Die Lohnentwicklung ist bereits durch die Kopplung an den TVöD gesichert, der Anfang 2025 verhandelt wurde. Steigen dort die Gehälter, profitieren die Mitarbeiter im Nahverkehr automatisch.
Stattdessen soll die Belastung für die Fahrerinnen, Fahrer und das Werkstattpersonal reduziert werden. Die Arbeitsbedingungen in vielen Verkehrsbetrieben seien an der Belastungsgrenze, argumentiert die Gewerkschaft. Hohe Krankenstände, eine große Personalfluktuation und Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung seien die Folge.
Konkret fordert Verdi für die Beschäftigten:
- Kürzere Arbeitszeit: Die wöchentliche Arbeitszeit soll bei vollem Lohnausgleich reduziert werden.
- Längere Ruhezeit: Die gesetzliche Ruhezeit zwischen zwei Schichten soll auf mindestens 11 Stunden festgeschrieben werden.
- Höherer Sonntagszuschlag: Der Zuschlag für Arbeit an Sonntagen soll auf mindestens 40 Prozent angehoben werden.
- Mehr Freistellung: Der Umfang der Freistellung für Gewerkschaftsarbeit soll auf 8 Tage pro Jahr erhöht werden.
- Erweiterter Geltungsbereich: Der Tarifvertrag soll künftig auch für kurzfristig Beschäftigte und Minijobber gelten.
Die Laufzeit des neuen Tarifvertrags soll nach Vorstellung der Gewerkschaft 24 Monate betragen.
„Attraktive Arbeitsbedingungen sind für den ÖPNV in NRW absolut entscheidend“, betonte Andrea Becker, Verdi-Fachbereichsleiterin für Öffentliche und private Dienstleistungen, Sozialversicherung und Verkehr in NRW. Sie fügte hinzu: „Diese Realität macht den Nahverkehr unattraktiv und gesundheitlich belastend.“
Ein unattraktiver Arbeitsplatz?
Die Gewerkschaft zeichnet ein düsteres Bild vom Alltag im Nahverkehr. Belastende Schichtsysteme, geteilte Dienste mit langen unbezahlten Pausen und eine hohe Verantwortung stünden oft geringen Zuschlägen und kurzen Erholungsphasen gegenüber. Dies führe zu einer hohen körperlichen und psychischen Belastung.
Zunehmende Aggressivität
Ein weiterer Punkt, den Beschäftigte immer wieder ansprechen, ist die zunehmende Aggressivität einiger Fahrgäste. Laut Verdi kam es in der Vergangenheit vereinzelt sogar zu Bedrohungen mit Messern, was die psychische Belastung im Arbeitsalltag weiter erhöht.
Diese Faktoren zusammengenommen machen es den Verkehrsunternehmen schwer, qualifiziertes Personal zu finden und langfristig zu binden. Ein verlässlicher Nahverkehr sei jedoch, so Verdi, ein wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und für die Verkehrswende unerlässlich.
Wie wahrscheinlich sind neue Streiks?
Für Fahrgäste der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) und anderer Unternehmen in NRW ist die entscheidende Frage, ob es erneut zu Arbeitsniederlegungen kommen wird. Die rechtliche Grundlage für Warnstreiks ist ab dem 1. Januar 2026 gegeben, denn an diesem Tag endet die Friedenspflicht.
Verdi hat bereits angekündigt, dass es vor der ersten Verhandlungsrunde am 21. Januar keine Streiks geben wird. Gewerkschaftssekretär Lukas Frew erklärte jedoch, dass Arbeitskämpfe im Anschluss denkbar seien. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Tarifkonflikte im ÖPNV oft langwierig sind.
Rückblick auf vergangene Tarifrunden
Sowohl im Frühjahr 2024 als auch 2025 kam es in NRW zu monatelangen Auseinandersetzungen mit wiederholten, oft mehrtägigen Streiks, die den öffentlichen Nahverkehr in vielen Städten lahmlegten. In beiden Fällen war am Ende ein Schlichtungsverfahren notwendig, um eine Einigung zu erzielen. Im Frühjahr 2024 griff Verdi sogar zum Mittel der sogenannten Erzwingungsstreiks nach gescheiterten Verhandlungen.
Die Arbeitgeberseite reagierte zunächst zurückhaltend auf die Forderungen. Bernhard Langenbrinck, Hauptgeschäftsführer des KAV NW, verwies gegenüber dem WDR auf die angespannte Finanzlage der Kommunen. Man müsse sich nun „sortieren und schauen, wie man mit der Gewerkschaft auf einen gemeinsamen Nenner kommt“.
Diese Verkehrsbetriebe in NRW sind betroffen
Vom Ausgang der Tarifrunde sind über 30 Betriebe mit rund 30.000 Beschäftigten betroffen. Zu den größten Verkehrsunternehmen zählen unter anderem:
- Köln: Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB)
- Bonn: Stadtwerke Bonn (SWB Bus und Bahn)
- Düsseldorf: Rheinbahn
- Essen/Mülheim: Ruhrbahn
- Bochum/Gelsenkirchen: BOGESTRA
- Dortmund: DSW21
- Aachen: ASEAG
- Münster: Stadtwerke Münster
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob eine schnelle Einigung möglich ist oder ob sich Pendlerinnen und Pendler in Köln und ganz NRW erneut auf einen Winter und Frühling mit Streiks im Nahverkehr einstellen müssen.




