Viele Menschen verspüren irgendwann den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung. Ob Frust über den aktuellen Job, der Drang nach mehr Sinnhaftigkeit oder neue persönliche Ziele – die Gründe sind vielfältig. Doch ein Neustart sollte gut überlegt sein. Ein Karrierecoach und eine Arbeitspsychologin erklären, wie der Wechsel gelingt und welche Schritte entscheidend sind.
Ein beruflicher Neuanfang ist eine große Entscheidung, die nicht überstürzt werden sollte. Experten raten zu einer strukturierten Vorgehensweise, die bei der Selbstreflexion beginnt und bei der bewussten Gestaltung des Übergangs endet. Dieser Prozess hilft, Fehler zu vermeiden und eine nachhaltig zufriedenstellende Karriereentscheidung zu treffen.
Das Wichtigste in Kürze
- Analysieren Sie zuerst die genauen Gründe für Ihre Unzufriedenheit, bevor Sie kündigen.
- Nehmen Sie sich Zeit für Selbstreflexion, um Ihre Werte, Stärken und Ziele zu klären.
- Ein klarer Plan, der auch finanzielle Rahmenbedingungen berücksichtigt, ist entscheidend.
- Handeln Sie nicht aus einer Emotion oder Erschöpfung heraus, sondern planen Sie den Übergang bewusst.
Schritt 1: Die Ursachen der Unzufriedenheit verstehen
Bevor die Kündigung auf dem Tisch liegt, ist eine ehrliche Analyse der aktuellen Situation unerlässlich. Nicht jede unbefriedigende Phase im Job erfordert gleich einen radikalen Schnitt. Manchmal sind es vorübergehende Probleme wie ein Konflikt im Team, eine besonders stressige Projektphase oder ein neuer Vorgesetzter.
Die Arbeitspsychologin Prof. Simone Kauffeld empfiehlt, gezielt nach den Auslösern zu suchen. Dabei können folgende Fragen helfen:
- Was hat mich früher an meiner Arbeit begeistert und warum ist das Gefühl verschwunden?
- Kann ich aktiv etwas an der Situation ändern, zum Beispiel durch ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten?
- Verbessert sich meine Stimmung, wenn ich mich im Urlaub erholt habe?
Kurzfristige Unzufriedenheit vs. grundlegendes Problem
Studien deuten darauf hin, dass ein Jobwechsel allein oft nur kurzfristig die Arbeitszufriedenheit steigert. Häufig hat die allgemeine Lebenszufriedenheit einen größeren Einfluss auf das Wohlbefinden bei der Arbeit als umgekehrt. Daher ist es wichtig zu klären, ob das Problem wirklich im Job liegt oder ob andere Lebensbereiche die Unzufriedenheit verursachen.
Schritt 2: Abstand gewinnen und sich selbst reflektieren
Hält die Unzufriedenheit jedoch an und widerspricht die tägliche Arbeit den eigenen Werten oder Stärken, ist ein Neuanfang eine sinnvolle Option. Karrierecoach Bernd Slaghuis warnt jedoch davor, aus einer Laune heraus zu handeln.
„Wer allzu übereilt oder aus der akuten Erschöpfung heraus gleich Bewerbungen in die Welt schickt, läuft Gefahr, mehr auf der Flucht aus dem Alten statt auf einem bewussten Weg hin zu einem neuen Ziel zu sein.“
Der erste Schritt sollte daher sein, zur Ruhe zu kommen und emotionalen Abstand zu gewinnen. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für eine ehrliche Selbstreflexion. Diese Phase ist entscheidend, um die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.
Die eigenen Werte definieren
Im Zentrum der Überlegungen sollte die Frage stehen: Was ist mir wirklich wichtig? „Was sollte in Zukunft in einem Job und Arbeitsumfeld erfüllt sein, um morgens gerne aufzustehen und motiviert und gesund einen guten Job zu machen“, erklärt Slaghuis. Für manche sind das Freiheit und Flexibilität, für andere Sicherheit, ein stabiles Einkommen oder ein starker Teamzusammenhalt.
Bei vielen frustrierten Arbeitnehmern, so der Coach, werden genau diese grundlegenden Werte seit langer Zeit nicht mehr erfüllt. Eine Liste der eigenen Prioritäten zu erstellen, schafft hier Klarheit.
Schritt 3: Neue Perspektiven entwickeln und planen
Sobald die eigenen Werte und Rahmenbedingungen klar sind, geht es darum, konkrete berufliche Perspektiven zu entwickeln. Hierbei hilft ein Blick auf die eigenen Interessen und Talente. Prof. Kauffeld schlägt vor, sich zu fragen: „Was gibt mir Energie? Wo fühle ich mich wirksam und kompetent? Welche Tätigkeit lässt mich die Zeit vergessen?“
Aus diesen Antworten lassen sich neue Ideen und Ziele ableiten. Manchmal ist es ein völlig neuer Beruf, in anderen Fällen eine ähnliche Tätigkeit in einer anderen Branche oder einem Unternehmen mit einer passenderen Kultur.
Finanzielle Sicherheit im Blick behalten
Ein wichtiger Aspekt bei der Planung sind die Finanzen. Wer als Hauptverdiener für eine Familie verantwortlich ist, muss eine Kündigung anders planen als jemand, der finanziell unabhängiger ist. Ein Puffer für mehrere Monate kann den Druck während der Jobsuche erheblich reduzieren.
Schritt 4: Den Übergang bewusst gestalten
Ist die Entscheidung für den Wechsel gefallen, gibt es verschiedene Wege, den Übergang zu gestalten. Nicht immer ist der sofortige, harte Schnitt die beste Lösung.
Kleine Schritte oder der große Bruch?
Für manche ist ein klarer Cut notwendig, um mit dem alten Kapitel abzuschließen und Energie für Neues zu sammeln. Andere benötigen die Struktur des alten Jobs, um nicht in ein Motivationsloch zu fallen. Hier gibt es keine allgemeingültige Antwort.
Folgende Optionen können sinnvoll sein:
- Weiterbildung neben dem Job: Wenn Sie sich noch unsicher sind, kann eine Weiterbildung oder ein Nebenprojekt Klarheit bringen, ohne die finanzielle Sicherheit aufzugeben.
- Reduzierung der Arbeitszeit: Eine Teilzeitstelle kann Freiräume schaffen, um sich intensiv auf Bewerbungen und die Neuorientierung zu konzentrieren.
- Die sofortige Kündigung: Wenn der Job krank macht oder die innere Kündigung längst vollzogen ist, kann ein schneller Ausstieg die beste Lösung sein, um sich vollständig auf die Zukunft zu fokussieren.
Wenn schließlich das erste Jobangebot vorliegt, rät Slaghuis zur Besonnenheit: „Nicht zu vorschnell einen neuen Vertrag unterschreiben, sondern in den Gesprächen alle Fragen stellen und hinschauen, ob es auch wirklich passt.“ Ein bewusster und gut geplanter Neuanfang legt den Grundstein für langfristige berufliche Zufriedenheit.




