Kurz vor der entscheidenden Stichwahl um das Amt des Kölner Oberbürgermeisters setzt die Grünen-Kandidatin Berivan Aymaz auf prominente Unterstützung aus Berlin. Der Auftritt des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck soll die eigenen Anhänger mobilisieren, könnte aber gleichzeitig unentschlossene Wähler aus dem bürgerlichen Lager abschrecken. Die Strategie birgt sowohl große Chancen als auch erhebliche Risiken.
Das Wichtigste in Kürze
- Berivan Aymaz (Grüne) wirbt im Stichwahlkampf mit dem ehemaligen Bundesminister Robert Habeck.
- Aymaz lag im ersten Wahlgang mit 28,1 Prozent vor ihrem Konkurrenten Torsten Burmester (SPD) mit 21,3 Prozent.
- Die Strategie zielt auf die Mobilisierung der eigenen Wählerschaft ab, da die Wahlbeteiligung bei Stichwahlen erfahrungsgemäß sinkt.
- Kritiker sehen die Gefahr, dass Habecks umstrittenes Image konservative und bürgerliche Wähler abschrecken könnte, die für einen Sieg entscheidend sind.
Prominente Unterstützung im Wahlkampffinale
Wenige Tage vor der Stichwahl am 28. September erhöht Berivan Aymaz den Druck im Kampf um das Kölner Rathaus. Am Mittwoch, dem 24. September 2025, wird sie gemeinsam mit Robert Habeck und der Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Katharina Dröge, auftreten. Die Veranstaltung in Köln-Mülheim wird vom Wahlkampfteam als „Stichwahl-Höhepunkt“ beworben und war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Das zeigt die Zugkraft, die Habeck insbesondere bei der grünen Kernwählerschaft nach wie vor besitzt.
Das Ziel ist klar: Die Grünen wollen ihre Anhänger motivieren, erneut zur Wahl zu gehen. Nach einem ersten Wahlgang mit 28,1 Prozent der Stimmen geht Aymaz mit einem Vorsprung in die entscheidende Runde gegen Torsten Burmester von der SPD, der 21,3 Prozent erreichte. Doch ein Vorsprung aus dem ersten Wahlgang ist keine Garantie für den Sieg.
Eine Strategie mit zwei Seiten
Die Entscheidung, Robert Habeck prominent in den Wahlkampf einzubinden, ist strategisch komplex. Einerseits soll seine Popularität bei den Grünen-Anhängern für die nötige Mobilisierung sorgen. Andererseits ist Habecks öffentliches Bild polarisierend, was sich als Nachteil erweisen könnte.
Die Hoffnung auf Mobilisierung
Die größte Herausforderung bei einer Stichwahl ist die sinkende Wahlbeteiligung. Viele Bürger, deren Kandidat es nicht in die zweite Runde geschafft hat, bleiben der Wahlurne fern. Historische Daten für Köln bestätigen diesen Trend. Bei der letzten Oberbürgermeisterwahl im Jahr 2020 fiel die Beteiligung von 51 Prozent im ersten Wahlgang auf nur noch 36 Prozent in der Stichwahl. Ein ähnlicher Rückgang wird auch für dieses Jahr erwartet.
Vor diesem Hintergrund erscheint es logisch, vor allem auf die Aktivierung der eigenen Basis zu setzen. Ein bekannter Politiker wie Habeck kann hier als Zugpferd dienen und Unentschlossene aus dem eigenen Lager überzeugen, ihre Stimme abzugeben. In einem knappen Rennen, in dem jede Stimme zählt, kann dies den Ausschlag geben.
Wahlbeteiligung in Köln
Bei der OB-Wahl 2020 sank die Wahlbeteiligung in der Stichwahl um 15 Prozentpunkte. Damals traten Henriette Reker (unterstützt von Grünen und CDU) und Andreas Kossiski (SPD) gegeneinander an. Die Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang 2025 lag mit 57 Prozent vergleichsweise hoch.
Das Risiko der Polarisierung
Während Habeck bei Grünen-Wählern beliebt ist, stößt er in anderen politischen Lagern auf teils heftige Ablehnung. Insbesondere seine Amtszeit als Wirtschaftsminister und das umstrittene Heizungsgesetz haben sein Ansehen bei konservativen und wirtschaftsliberalen Wählern beschädigt. Für Aymaz ist das ein Problem, denn um die Wahl zu gewinnen, muss sie über ihre Kernwählerschaft hinaus Stimmen gewinnen.
Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts ipsos vom Januar 2025 zeigte, dass rund ein Drittel der Deutschen Habeck als „inkompetent“ und „realitätsfern“ wahrnimmt. Diese Attribute könnten Wähler abschrecken, die sich eine pragmatische und lösungsorientierte Stadtführung wünschen. Laut einer Forsa-Umfrage herrscht in Köln eine „extreme Unzufriedenheit mit der Stadtspitze und der Verwaltung“, was auf einen Wunsch nach kompetenter Führung hindeutet.
Der Kampf um die bürgerliche Mitte
Die entscheidende Frage wird sein, wie die Wähler der im ersten Wahlgang ausgeschiedenen Kandidaten reagieren. Insbesondere die Stimmen aus dem Lager der CDU, deren Kandidat nicht in die Stichwahl kam, sind nun hart umkämpft. Aymaz muss es schaffen, diese Wähler davon zu überzeugen, dass sie die bessere Wahl für Köln ist als ihr SPD-Konkurrent Torsten Burmester.
Der Auftritt mit Habeck könnte diese Bemühungen erschweren. Konservative Wähler könnten ihn als Signal werten, dass Aymaz einen stark links-grünen Kurs fahren will. Dies könnte sie dazu veranlassen, entweder gar nicht zur Wahl zu gehen oder aus Protest für Burmester zu stimmen, um eine rein grüne Stadtspitze zu verhindern.
Das politische Klima in Köln
Die Stadt Köln steht vor großen Herausforderungen in den Bereichen Verkehr, Wohnungsbau und Verwaltungseffizienz. Viele Bürger sind unzufrieden mit der aktuellen Situation. Der Wahlkampf konzentriert sich daher stark auf die Frage, welcher Kandidat die notwendige Kompetenz und Durchsetzungskraft mitbringt, um diese Probleme zu lösen.
Abwägung: Alles auf eine Karte setzen?
Das Wahlkampfteam von Berivan Aymaz scheint eine klare Abwägung getroffen zu haben: Die Mobilisierung der eigenen Anhänger wird als wichtiger eingeschätzt als der mögliche Verlust von Stimmen aus dem konservativen Lager. Diese Strategie deutet darauf hin, dass man im Lager der Grünen davon ausgeht, ohnehin nur schwer bürgerliche Wähler erreichen zu können.
Man setzt darauf, dass die eigene Basis groß und motiviert genug ist, um die Wahl zu entscheiden. Die ausverkaufte Veranstaltung mit Habeck scheint diese Annahme zu bestätigen. Es bleibt jedoch ein Vabanquespiel. Sollte die Mobilisierung der eigenen Anhänger geringer ausfallen als erhofft und gleichzeitig eine größere Zahl bürgerlicher Wähler abgeschreckt werden, könnte die Strategie nach hinten losgehen.
Am Ende wird das Wahlergebnis am Sonntagabend zeigen, ob die Entscheidung, Robert Habeck in den Kölner Wahlkampf zu holen, ein kluger Schachzug oder ein strategischer Fehler war. Bis dahin bleibt der Ausgang der Stichwahl um das höchste Amt der Stadt Köln offen und spannend.




