Seit gut 100 Tagen ist Torsten Burmester (SPD) Oberbürgermeister von Köln. In seiner ersten Bilanz spricht er offen über die drängendsten Probleme der Stadt: ein wachsendes Müllproblem, stockende Bauprojekte und den Verlust sozialer Verantwortung. Er kündigt eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Umweltverschmutzern an und wirbt für eine neue Aufbruchstimmung.
Die Herausforderungen sind groß, doch der neue Rathauschef zeigt sich entschlossen, den Wandel voranzutreiben. Dabei setzt er auf konsequentes Handeln, aber auch auf den Dialog mit den Bürgern, den er bewusst im Alltag sucht.
Das Wichtigste in Kürze
- Oberbürgermeister Torsten Burmester will eine Null-Toleranz-Politik gegen illegale Müllentsorgung durchsetzen.
- Die Menge an wildem Müll in Köln hat laut Zahlen von 2023 bis 2025 um 70 Prozent zugenommen.
- Burmester plant, Bauprojekte durch die Nutzung von Bundesinitiativen wie dem „Bauturbo“ zu beschleunigen.
- Trotz Bedenken wegen des Jahres 2036 unterstützt er die Kölner Olympiabewerbung uneingeschränkt.
Ein wachsendes Ärgernis: Wilder Müll in der Stadt
Eines der sichtbarsten Probleme in Köln ist die zunehmende Vermüllung des öffentlichen Raums. Für Oberbürgermeister Burmester ist dies nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern ein Zeichen für schwindende soziale Verantwortung. „Was mich massiv ärgert, ist, wie viele mit ihrer eigenen Stadt, quasi mit ihrem eigenen Wohnzimmer umgehen“, so Burmester.
Er berichtet von einer persönlichen Erfahrung, die ihn besonders betroffen gemacht hat. Er beobachtete, wie der Fahrer eines teuren Wagens aus einem wohlhabenden Viertel mehrere Müllsäcke an einer bereits existierenden wilden Müllkippe ablud. Als er den Mann zur Rede stellte, zeigte dieser wenig Einsicht.
Zahlen zur Vermüllung
Die Daten der Stadtverwaltung zeichnen ein düsteres Bild: Von 2023 bis 2025 wurde ein Anstieg des wilden Mülls um 70 Prozent verzeichnet. Allein während einer Aktionswoche im Januar wurden 380 illegale Müllkippen entdeckt. Die Zahl der Schrottfahrzeuge im öffentlichen Raum hat sich von 2.500 im Jahr 2022 auf über 5.000 im Jahr 2025 mehr als verdoppelt.
Konsequenzen für Umweltsünder
Burmester sieht die Ursache in einer schwindenden Identifikation mit der Gemeinschaft und einem nachlassenden „sozialen Korrektiv“. Früher hätten Mitbürger Fehlverhalten häufiger direkt angesprochen. Heute gehe diese Form der gegenseitigen Verantwortung verloren.
Seine Antwort darauf ist klar: Härtere Sanktionen. „Der verantwortungslose Umgang mit dem öffentlichen Raum muss Konsequenzen haben“, betont der Oberbürgermeister. Er kündigt an, dass künftig auch für kleinere Vergehen wie eine weggeworfene Zigarettenkippe konsequent Ordnungswidrigkeiten ausgesprochen werden sollen. Er selbst gehe mit gutem Beispiel voran und räume auch mal den Müll weg, den Hochzeitsgesellschaften vor dem Rathaus hinterlassen.
„Ich bin nicht Boris Palmer. Und will nicht rumlaufen und sagen: Ich bin der Obermeister und erste Ordnungsbeamte. Ich spreche Menschen aber als Privatperson durchaus an, die ihren Müll irgendwo hinwerfen.“
Aufbruchstimmung statt Stillstand beim Bauen
Neben dem Müllproblem gehört der Stillstand bei wichtigen Bauprojekten zu den größten Herausforderungen Kölns. Das Desaster um die Sanierung von Oper und Schauspielhaus ist bundesweit bekannt. Burmester will hier eine neue Ära einleiten.
„Wir müssen strukturell die Voraussetzung schaffen, dass in Köln günstiger und schneller gebaut wird“, erklärt er. Dafür setzt die Stadt auf zwei Instrumente: die Initiative „Günstiger Bauen in Köln“ und die konsequente Nutzung aller rechtlichen Möglichkeiten, die der Bund bietet.
Was ist der „Bauturbo“?
Der sogenannte „Bauturbo-Pakt“ ist eine Initiative des Bundes, die darauf abzielt, Planungs- und Genehmigungsverfahren für Bauprojekte erheblich zu beschleunigen. Durch vereinfachte Regelungen und die Digitalisierung von Prozessen soll der Wohnungsbau in Deutschland angekurbelt werden. Köln will diese Möglichkeiten nun voll ausschöpfen.
Burmester berichtet von positiver Rückmeldung aus dem Bundesbauministerium für diesen proaktiven Ansatz. Großprojekte wie die Entwicklung des Deutzer Hafens oder der Parkstadt Süd stehen weit oben auf seiner Agenda. Es gehe darum, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen und das Image der Stadt zu verbessern.
Olympia 2036: Eine Chance für Köln
Trotz aller aktuellen Probleme blickt der Oberbürgermeister optimistisch in die Zukunft und unterstützt die Bewerbung Kölns für die Olympischen Spiele 2036 bedingungslos. Er rechnet mit einem positiven Ergebnis beim anstehenden Bürgerentscheid und betont die Mobilisierungskraft der Region.
Die Debatte um die Jahreszahl 2036, genau 100 Jahre nach den Nazi-Spielen in Berlin, sieht er als Chance. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte Bedenken geäußert, was Burmester zwar überrascht habe, aber als legitimen Debattenbeitrag wertet.
- Historische Einordnung: Burmester verweist auf die Olympischen Spiele 1972 in München und das Finale der Fußball-WM 2006 im Berliner Olympiastadion.
- Bildungschance: Er sieht die Spiele als Gelegenheit, über Totalitarismus, Faschismus und die Shoah aufzuklären.
- Breite Unterstützung: Die Bewerbung sei auch mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland besprochen worden und habe dort Zustimmung gefunden.
Der Oberbürgermeister als Bürger
Trotz der Last des Amtes, die er nach eigenen Worten „von Tag eins an“ spürt, sucht Torsten Burmester den Kontakt zu den Menschen. Seinen Vorsatz, täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, kann er zwar nicht ganz einhalten, aber er versucht es konsequent.
„Einmal die Woche schaffe ich das“, sagt er. Die Fahrt mit der Linie 106 sei für ihn nicht nur ein Weg zur Arbeit, sondern eine wichtige Gelegenheit. „Da kommt man auch gut ins Gespräch mit Menschen, und das ist auch Sinn und Zweck der Sache.“ Es ist dieser pragmatische Ansatz, der seine ersten 100 Tage im Amt prägt: Probleme klar benennen, konsequent handeln und dabei den Draht zu den Bürgern nicht verlieren.




