Im Saal 112 des Kölner Landgerichts herrscht spürbare Anspannung. Hier wird der größte Drogenfund der deutschen Nachkriegsgeschichte verhandelt. Ein Angeklagter, Habib I., hat sich entschieden, als Kronzeuge auszusagen und enthüllt die Strukturen eines internationalen Drogenkartells. Seine Kooperation hat offenbar bereits Konsequenzen: Unbekannte haben Schüsse auf das Haus seines Bruders in Eitorf abgefeuert.
Der Prozess dreht sich um den Schmuggel von rund 40 Tonnen Kokain mit einem geschätzten Marktwert von 2,6 Milliarden Euro. Habib I., ein ehemaliger Handwerksunternehmer aus dem Rhein-Sieg-Kreis, ist die zentrale Figur, die den Ermittlern tiefe Einblicke in die Organisation gewährt. Seine Aussagen belasten mutmaßliche Hintermänner schwer, darunter auch eine Führungsfigur aus dem Kölner Rockermilieu.
Das Wichtigste in Kürze
- Vor dem Kölner Landgericht läuft ein Prozess um den Schmuggel von 40 Tonnen Kokain im Wert von 2,6 Mrd. Euro.
- Ein Angeklagter, Habib I., sagt als Kronzeuge umfassend über die Organisation und ihre Hintermänner aus.
- Nach Beginn seiner Aussage wurde das Haus seines Bruders in Eitorf beschossen, was als Einschüchterungsversuch gewertet wird.
- Die Ermittlungen richten sich gegen ein internationales Netzwerk mit Verbindungen zu den Hells Angels in Köln und Drahtziehern in Dubai und der Türkei.
Einblicke in ein kriminelles Netzwerk
Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen beschreibt Habib I. vor Gericht seine Rolle in dem Drogenkartell. Er berichtet von Geldtransporten in Sporttaschen, in denen er bis zu einer Million Euro auf einmal eingesammelt habe. Seine Aufgabe sei es auch gewesen, Container im Hamburger Hafen zu beobachten, bevor die darin versteckten Drogen aus dem Zollbereich geschleust wurden.
Die Drogen, so der Kronzeuge, kamen aus Südamerika und waren geschickt in legalen Warenlieferungen getarnt. In Kisten mit Ananas oder Bananen versteckten die Schmuggler hunderte Kilogramm Kokain. Für die Abwicklung in Deutschland war ein Netzwerk aus Scheinfirmen zuständig, das von drei Hauptgeschäftspartnern des Kartells geleitet wurde.
Prämien für den Schmuggel
Für jeden erfolgreich durch den Zoll gebrachten Container erhielten die Betreiber der Scheinfirmen laut Aussage eine Erfolgsprämie von 250.000 Euro. Diese Zahlung kam zusätzlich zu den Spesen für die Unterhaltung der Firmen, wie Miete für Lagerräume und Personalkosten.
Angst um die Familie
Als der Richter nach den Namen der drei deutschen Hauptpartner fragt, nennt Habib I. zwei davon. Den dritten Namen verweigert er. „Das ist zu gefährlich für meine Familie“, erklärt er leise. Er berichtet von dem Vorfall in Eitorf am 16. Oktober, als Schüsse auf das Haus seines Bruders abgefeuert wurden. Verletzt wurde dabei niemand, doch die Botschaft war eindeutig.
„Neulich ist das Haus meines Bruders beschossen worden, nachdem ich angefangen habe, hier auszusagen.“
Die Kreispolizeibehörde im Rhein-Sieg-Kreis bestätigte den Angriff. Ermittler gehen von einer gezielten Warnung aus, die dem Kronzeugen galt. Habib I. hatte bereits vor dem Prozess bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität (ZeOS) in Düsseldorf umfangreiche Angaben gemacht.
Spuren führen ins Rockermilieu
Die Aussagen des Kronzeugen belasten insbesondere Kamil S., den ehemaligen Chef des inzwischen aufgelösten Kölner Hells-Angels-Charters „Rhine Area“. Er soll zur dreiköpfigen Führungsriege des Kartells gehört haben. Als oberster Chef gilt ein bisher nicht identifizierter Mann, der die Geschäfte von Dubai aus gesteuert haben soll.
Kamil S. soll sich Ende 2022 in die Türkei abgesetzt haben, von wo aus er seine kriminellen Aktivitäten fortführte. Die Ermittler vermuten ihn auch hinter der Schussattacke in Eitorf. Ein Foto einer Radarkamera in der Nähe des Tatorts zeigt drei Männer. Habib I. soll zwei von ihnen als Handlanger von Kamil S. identifiziert haben.
Verbindungen zum „Paten von Köln“
Kamil S. soll enge Kontakte zu seinem Vorgänger als Kölner Hells-Angels-Boss, Neco Arabaci, pflegen. Arabaci, einst als „Der Pate von Köln“ bekannt, wurde 2007 in die Türkei abgeschoben. Von dort aus soll er weiterhin kriminelle Geschäfte in Deutschland steuern. Vor etwa einem Monat wurde Arabaci in Izmir erneut festgenommen. Die türkischen Behörden werfen ihm die Gründung einer kriminellen Vereinigung und schwere Erpressung vor.
Vom Schutzsuchenden zum Handlanger
Habib I. schilderte den Ermittlern, wie er in den Sumpf der organisierten Kriminalität geriet. Ursprünglich habe er die Hells Angels um Hilfe gebeten, da er von einem Mitarbeiter bedroht worden sei. Nachdem die Rocker ihm geholfen hatten, forderten sie Schutzgeld. Als er nicht zahlen konnte, sei er unter Druck gesetzt und gezwungen worden, für die Bande zu arbeiten. So wurde er zum Späher am Hafen und zum Fahrer für Drogentransporte.
Deutschlands Kampf gegen die Kokainschwemme
Der Kölner Prozess ist ein Symptom für ein größeres Problem. Deutschland und Europa erleben eine massive Zunahme des Kokainschmuggels. Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), warnte bereits im April, dass sich der Drogenhandel stärker auf Europa konzentriert, da der Markt in Nordamerika gesättigt sei.
Die Anbauflächen für Coca in Kolumbien, Peru und Bolivien wachsen stetig. Die Drogen gelangen über große Seehäfen wie Antwerpen, Rotterdam und Hamburg nach Europa, versteckt in Tausenden von Containern auf riesigen Frachtschiffen. Die organisierte Kriminalität agiert dabei hochprofessionell:
- Arbeitsteilung: Verschiedene Banden kontrollieren unterschiedliche Abschnitte der Schmuggelroute.
- Korruption: Hafenmitarbeiter und Zöllner werden bestochen, um Container unkontrolliert passieren zu lassen.
- Verschlüsselte Kommunikation: Lange Zeit nutzten die Kartelle abhörsichere Krypto-Handys, bis es Ermittlern gelang, die Codes zu knacken.
Rekordmengen an Kokain
Im Jahr 2023 wurden in Deutschland laut BKA-Lagebericht 43 Tonnen Kokain beschlagnahmt – doppelt so viel wie im Vorjahr. Ein Großteil dieser Menge steht im Zusammenhang mit dem aktuellen Verfahren in Köln. Die Zahl der erfassten Kokaingeschäfte stieg um über 27 Prozent.
Der Prozess in Köln wird fortgesetzt. Habib I. bleibt eine Schlüsselfigur. Er befindet sich im Hochsicherheitstrakt der JVA Köln und wird streng von anderen Häftlingen abgeschirmt. Die Justiz versucht alles, um ihren wichtigsten Zeugen in diesem milliardenschweren Verfahren zu schützen.




