Inmitten des geschäftigen Treibens auf der Kölner Schildergasse kniet fast täglich eine 75-jährige Frau und bittet um Geld. Ihr Name ist Rosa, und sie kommt jeden Winter aus Rumänien in die Domstadt. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall, sondern steht für viele Menschen, die aus purer Not den weiten Weg auf sich nehmen, um hier ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Seit fünf Jahren ist die Einkaufsstraße ihr Arbeitsplatz. Mit dem Geld, das sie hier sammelt, überlebt sie nicht nur in Köln, sondern finanziert auch ihr Leben in ihrer Heimatstadt Fagaras, wo es kaum Arbeit und Perspektiven gibt.
Das Wichtigste in Kürze
- Rosa, 75, reist jeden Winter aus Rumänien an, um in Köln auf der Schildergasse zu betteln.
- Ihre täglichen Einnahmen liegen zwischen 7 und 35 Euro, womit sie Miete, Essen und eine kleine Rücklage für ihre Heimat finanziert.
- Der Hauptgrund für ihren Weg nach Deutschland ist die extreme Armut und Arbeitslosigkeit in ihrer rumänischen Heimatstadt.
- Sie erlebt sowohl große Hilfsbereitschaft von Kölnern als auch aggressive Konkurrenzkämpfe mit anderen Bettlern.
- Sozialarbeiter bestätigen, dass individuelle Not und nicht organisierte Kriminalität die treibende Kraft hinter dem Phänomen ist.
Ein Leben zwischen zwei Welten
Fagaras, eine Kleinstadt in Rumänien, ist Rosas Heimat. Geprägt von verfallenden Altbauten und Plattenbauten aus der kommunistischen Ära, leidet die Stadt unter dem wirtschaftlichen Niedergang. „Es gibt kaum Arbeit, kaum eine Zukunft für junge Menschen“, beschreibt Rosa die Situation. Viel Heimweh verspüre sie deshalb nicht, wenn sie für rund vier Monate im Jahr nach Köln kommt.
Ihre Reise nach Deutschland begann im Jahr 2020, kurz nach dem Tod ihres Mannes. Er hatte die Familie mit acht Kindern durch Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Als diese Einnahmequelle wegbrach und sie im Winter nicht mehr heizen konnte, folgte sie ihrer Tochter, die bereits in Köln bei einer Reinigungsfirma Arbeit gefunden hatte.
Der schwere Weg auf die Straße
Zunächst versuchte auch Rosa, bei der Reinigungsfirma zu arbeiten. Doch die körperlich anstrengende Tätigkeit war für die damals 70-Jährige zu viel. In ihrer Verzweiflung sah sie die Menschen, die in der Innenstadt bettelten. Schließlich fasste sie den Entschluss, es selbst zu versuchen.
„Das erste Mal war sehr schwer. Ich habe mich geschämt, habe geweint.“
Sie besorgte sich eine gepolsterte Tasche zum Knien und einen Pappbecher. Die Scham war groß, doch der Erfolg gab ihr recht. Bereits am ersten Tag sammelte sie genug Geld, um mehrere Tage davon leben zu können. „Ich dachte: Wenn ich das weitermache, kann ich wenigstens die Miete zahlen und etwas zurücklegen, um im Sommer in Fagaras zu leben“, erklärt sie ihre Motivation. Seitdem ist die Schildergasse ihr fester Platz.
Alltag auf dem Pflaster der Einkaufsmeile
Rosas Tag beginnt gegen halb elf Uhr morgens. Bis etwa 15 Uhr kniet sie an ihrem Platz und hofft auf die Großzügigkeit der Passanten. Ihre Einnahmen schwanken stark. An einem schlechten Tag sind es nur 7 Euro, an einem guten können es bis zu 35 Euro sein. In der Vorweihnachtszeit ist die Spendenbereitschaft oft etwas höher.
Finanzielle Realität
Mit ihren Einnahmen deckt Rosa ihre grundlegendsten Bedürfnisse. Sie zahlt 90 Euro Miete für ein Zimmer in einer Wohnung in Kalk, die sie sich mit einer Bekannten teilt. Der Rest des Geldes geht für Essen drauf. Wenn es gut läuft, kann sie etwa 50 Euro im Monat sparen, um die Zeit in Rumänien zu überbrücken.
Sozialkontakte hat sie in Köln kaum. Abgesehen von ihrer Tochter und ihrer Bekannten kennt sie fast niemanden. Angebote von sozialen Trägern nimmt sie selten in Anspruch. Eine Ausnahme ist die Streetworkerin Friederike Bender von der Obdachlosenhilfe Oase, die Rumänisch spricht und ihr Vertrauen gewonnen hat.
Zwischen Hilfsbereitschaft und Anfeindung
Die Erfahrungen, die Rosa auf der Straße macht, sind zwiegespalten. Sie beschreibt die Kölnerinnen und Kölner überwiegend als hilfsbereit. Anfeindungen habe sie persönlich noch nicht erlebt, auch Probleme mit der Polizei oder dem Ordnungsamt gab es bisher nicht. „Wenn jemand kein Geld gibt, bringt er mir manchmal Essen oder Kleidung“, erzählt sie.
Besonders eine Begegnung hat sie tief berührt. Eine Frau kommt fast jede Woche vorbei und bringt ihr Medikamente gegen ihren Diabetes. „Als wäre sie vom Himmel gefallen“, sagt Rosa mit einem Lächeln. „Sie ist wie ein Engel für mich.“
Konflikte unter Bettlern
Gleichzeitig ist das Leben auf der Straße von einem harten Konkurrenzkampf geprägt. Vor allem in der lukrativen Weihnachtszeit kommt es regelmäßig zu Konflikten mit anderen Bettlern. „Dann werde ich beschimpft, mein Becher wird umgeschmissen oder sie versuchen, mir Geld zu stehlen“, berichtet sie. Aus diesem Grund hält sie bewusst Abstand, auch zu anderen Bettlern aus Rumänien.
Keine Bettelmafia, sondern pure Not
Die Streetworkerin Friederike Bender bestätigt, dass Rosas Geschichte typisch ist. „Der Hauptgrund, warum die Menschen aus Rumänien hierher zum Betteln kommen, ist Armut“, erklärt sie. Viele gehören in ihrer Heimat diskriminierten Minderheiten an und haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Von organisierten Strukturen oder einer sogenannten „Bettelmafia“ könne sie aus ihrer täglichen Arbeit nicht berichten. Es handele sich um Einzelpersonen oder Familien, die aus Verzweiflung handeln.
Die Sehnsucht nach der Heimat
Trotz der schwierigen Lage in Fagaras freut sich Rosa jedes Jahr darauf, nach dem Winter in ihre Heimat zurückzukehren. Der Grund dafür ist einfach: „Außer meiner Tochter hier wohnen noch alle meine Kinder mit ihren Familien in Fagaras.“ Die Familie und ihr altes Haus sind die Ankerpunkte, die sie jedes Jahr die beschwerliche Reise antreten lassen.
Ihre Wünsche für die Zukunft sind bescheiden. „Ein Stück Brot zum Essen jeden Tag, mehr brauche ich nicht“, sagt sie. Und fügt dann noch etwas hinzu: „Gesundheit. Gesundheit ist das Wichtigste.“ Ihre Geschichte wirft ein Licht auf eine oft übersehene Realität in den belebten Fußgängerzonen deutscher Großstädte – eine Realität, die von Armut, Hoffnung und dem täglichen Kampf ums Überleben geprägt ist.




