Die Weihnachtszeit ist für viele Menschen in Köln eine Zeit der Freude und Gemeinschaft. Doch für eine wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern verstärken die Feiertage das Gefühl der Einsamkeit. Die Kölner Sterbe- und Trauerbegleiterin Erzsébet Endlein erklärt, warum gerade diese Zeit so schmerzhaft sein kann und welche Hilfsangebote es in der Stadt gibt.
Obwohl eine Studie Köln als die Stadt mit der geringsten Einsamkeitsrate in Deutschland ausweist, zeigt die tägliche Erfahrung von Sozialdiensten ein anderes Bild. Immer mehr Menschen fühlen sich isoliert, ein Zustand, der durch gesellschaftliche Veränderungen und die Digitalisierung verstärkt wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl des Mangels an Verbundenheit und nicht dasselbe wie das objektive Alleinsein.
- Die Weihnachtszeit kann durch hohe gesellschaftliche Erwartungen an Familie und Gemeinschaft Gefühle der Isolation verstärken.
- Gesellschaftliche Veränderungen wie die Digitalisierung tragen zu zunehmender Einsamkeit bei allen Altersgruppen bei.
- In Köln gibt es zahlreiche kostenlose und niedrigschwellige Hilfsangebote für Menschen, die sich einsam fühlen.
Was Einsamkeit wirklich bedeutet
Viele Menschen verwechseln Einsamkeit mit dem Alleinsein. Erzsébet Endlein, die den Verein „Endlich Palliativ und Hospiz“ gegründet hat, stellt klar, dass dies zwei grundverschiedene Dinge sind. „Allein zu sein ist ein objektiv sichtbarer Zustand, der häufig auch positiv empfunden wird“, erklärt sie. Man kann allein sein und sich dabei vollkommen wohlfühlen.
Einsamkeit hingegen ist ein schmerzhaftes Gefühl. Es beschreibt eine empfundene Leere und einen Mangel an echter Verbundenheit zu anderen Menschen. Dieses Gefühl kann sogar inmitten einer Menschenmenge auftreten.
Symptome erkennen
Einsamkeit ist nicht immer von außen sichtbar. Sie äußert sich oft in emotionaler Distanz oder körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder einem allgemeinen Gefühl des Unwohlseins.
Warum die moderne Gesellschaft Einsamkeit fördert
In den letzten Jahren hat das Gefühl der Einsamkeit in der Gesellschaft spürbar zugenommen. Experten sehen dafür mehrere Gründe. Die zunehmende Digitalisierung hat dazu geführt, dass viele Kontakte nur noch online stattfinden. „Viele Menschen erzählen mir, dass sie sich zwar ‚vernetzt‘, aber nicht ‚verbunden‘ fühlen“, berichtet Endlein aus ihrer Praxis.
Auch veränderte Familienstrukturen spielen eine Rolle. Mehrgenerationenhäuser sind seltener geworden, und Familien leben oft weit voneinander entfernt. Berufliche Anforderungen und ein mobiler Lebensstil erschweren den Aufbau und die Pflege tiefer sozialer Bindungen.
Junge Menschen sind zunehmend betroffen
Entgegen der landläufigen Meinung ist Einsamkeit kein reines Altersphänomen. Immer häufiger sind auch junge Menschen betroffen. Dazu gehören Jugendliche, die sich trotz vieler Online-Kontakte nicht zugehörig fühlen, aber auch Alleinerziehende oder Personen, die neu in einer Stadt sind und erst ein soziales Netz aufbauen müssen.
Wer ist besonders gefährdet?
- Trauernde: Menschen, die eine wichtige Bezugsperson verloren haben.
- Jugendliche: Trotz vieler Kontakte kann das Gefühl der Zugehörigkeit fehlen.
- Ältere Menschen: Verlust von Partnern, Freunden oder Mobilität führt oft zu Isolation.
- Alleinerziehende: Die Doppelbelastung lässt oft wenig Zeit für soziale Kontakte.
- Neuankömmlinge: Menschen, die beruflich oder privat in eine neue Stadt ziehen.
Der Druck der Feiertage
Weihnachten ist gesellschaftlich stark mit Bildern von Familie, Wärme und Geborgenheit verknüpft. Werbung, Filme und soziale Medien zeichnen das Bild eines perfekten Festes im Kreise der Liebsten. Für Menschen, die diese Nähe nicht haben, entsteht ein schmerzhafter Kontrast.
„Die Herausforderungen in der Weihnachtszeit entstehen nicht unbedingt durch neue Situationen, sondern durch die Diskrepanz zwischen den eigenen inneren Gefühlen und der gesellschaftlich erschaffenen Erwartungshaltung.“ – Erzsébet Endlein
Die Erinnerung an frühere, glücklichere Feste kann die Traurigkeit zusätzlich verstärken. Der Wunsch, wenigstens mit jemandem sprechen zu können, wird an diesen Tagen besonders groß. Viele Betroffene berichten von innerer Unruhe und dem Gefühl, von allen vergessen worden zu sein.
Hier finden Kölnerinnen und Kölner Hilfe
Die gute Nachricht ist: Niemand muss mit diesen Gefühlen allein bleiben. Gerade zur Weihnachtszeit gibt es in Köln ein breites Netz an Hilfsangeboten, die oft ehrenamtlich getragen werden.
Viele Kirchengemeinden, soziale Einrichtungen und gemeinnützige Vereine organisieren offene Weihnachtsfeiern oder Begegnungsnachmittage. Diese bieten eine warme Atmosphäre, ein gemeinsames Essen und die Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen.
- Telefonseelsorge: Unter der bundesweit einheitlichen und kostenlosen Nummer 116 123 ist rund um die Uhr ein Ansprechpartner erreichbar. Die Gespräche sind anonym und vertraulich.
- Telefonbesuchsdienst der Malteser: Ehrenamtliche rufen regelmäßig bei einsamen Menschen an, um zuzuhören und Gesellschaft zu leisten.
- Lokale Gemeinden und Vereine: Ein Blick in den lokalen Gemeindebrief oder auf die Webseiten von sozialen Trägern wie Caritas oder Diakonie lohnt sich. Dort werden oft spezielle Angebote für die Feiertage veröffentlicht.
- Trauergruppen und Hospizdienste: Sie bieten in der Adventszeit oft gemeinsame Abende an, um Menschen in ähnlichen Situationen zusammenzubringen.
Ein Weg aus der Einsamkeit
Einsamkeit zu überwinden, ist ein Prozess, der oft in kleinen Schritten erfolgt. Der erste und wichtigste Schritt ist, die vorhandenen Hilfsangebote anzunehmen. „Niemand muss Einsamkeit allein überwinden, und jeder Schritt zählt“, betont Endlein.
So schmerzhaft das Gefühl auch ist, es kann auch eine Chance sein. „Sie zeigt an, dass im Leben etwas fehlt“, so die Expertin. Wer dieses Signal ernst nimmt, kann beginnen, die eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen, Beziehungen zu überdenken und neue Interessen zu entwickeln. Manchmal ist die Einsamkeit der Ausgangspunkt für eine positive Veränderung und eine tiefere Verbundenheit – mit sich selbst und mit anderen.




