In den belebten Einkaufsstraßen Kölns, wie der Hohe Straße und der Schildergasse, ist es ein alltägliches Bild: Menschen, die mit Pappschildern und Bechern um Spenden bitten. Viele Kölner fragen sich, ob hinter diesen oft gleich aussehenden Szenen organisierte Banden stecken. Doch Recherchen und offizielle Stellungnahmen von Polizei und Ordnungsamt zeichnen ein anderes, differenzierteres Bild der Situation.
Die meisten der bettelnden Personen stammen aus Rumänien und kommen für einige Wochen oder Monate nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Während die Öffentlichkeit oft kriminelle Strukturen vermutet, sprechen die Behörden von familiären Netzwerken und gegenseitiger Hilfe unter Landsleuten. Eine kriminelle Ausbeutung konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Polizei und Ordnungsamt Köln haben keine Beweise für organisierte, kriminelle Bettelbanden.
- Viele der bettelnden Menschen stammen aus Rumänien und agieren in familiären oder dörflichen Verbänden.
- Stilles Betteln ist in Köln grundsätzlich erlaubt; nur aggressive oder verkehrsbehindernde Formen sind verboten.
- Soziale Hilfsangebote der Stadt werden von den Betroffenen oft nicht angenommen.
- Einzelhändler und Gastronomen sehen die Bettelei als Problem für das Sicherheitsgefühl und die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt.
Das Bild in der Innenstadt
Wer durch die Kölner Fußgängerzonen geht, bemerkt schnell die Ähnlichkeiten. Männer und Frauen sitzen auf dem Boden, oft mit identisch beschrifteten, laminierten Pappschildern. „Bitte für Essen Danke“ ist eine häufige Aufschrift. Diese Uniformität nährt den Verdacht vieler Passanten, dass es sich um eine organisierte Masche handeln muss.
Besonders in der Vorweihnachtszeit und nach dem Jahreswechsel, wenn die Stadt voller Menschen ist, nimmt die Zahl der Bettler sichtbar zu. Sie suchen sich strategisch günstige Plätze vor großen Kaufhäusern oder in den Eingängen von Ladenpassagen. Am Abend, nach Geschäftsschluss, versammeln sie sich oft in Gruppen, essen gemeinsam und übernachten in Schlafsäcken vor den verschlossenen Türen der Geschäfte.
Behörden dementieren organisierte Kriminalität
Trotz des äußeren Anscheins widersprechen die Kölner Behörden der Theorie von kriminellen Hintermännern vehement. Sowohl die Polizei Köln als auch das Ordnungsamt haben die Szene seit Jahren im Blick. Thomas Frenzke, Leiter des Kommunalen Ordnungsdienstes, erklärt, dass es keine Hinweise auf Zwang oder Ausbeutung gebe.
„Wir haben keine belastbaren Informationen oder Hinweise auf eine organisierte kriminelle Struktur“, bestätigt auch ein Sprecher der Polizei Köln.
Stattdessen sprechen die Behörden von sozialen Netzwerken. „Viele der bettelnden Menschen kennen und helfen sich untereinander. Es handelt sich häufig um Familien“, so Natalie Riha vom Ordnungsamt. Die Menschen stammen oft aus denselben Regionen Rumäniens, etwa aus der Gegend um Brasov und Fagaras. Sie reisen in wechselnden Gruppen nach Köln, um hier durch Betteln ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Rechtliche Lage in Deutschland
Als EU-Bürger dürfen sich rumänische Staatsangehörige bis zu 90 Tage ohne besondere Voraussetzungen in Deutschland aufhalten. Ein gültiger Ausweis genügt. Das sogenannte „stille Betteln“ ist in Köln, wie in den meisten deutschen Städten, grundsätzlich erlaubt und fällt unter den Gemeingebrauch des öffentlichen Raums.
Die Grenzen des Erlaubten
Obwohl stilles Betteln legal ist, gibt es klare Regeln, die in der Kölner Stadtordnung festgelegt sind. Das Ordnungsamt schreitet ein, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden. Verboten sind unter anderem:
- Aggressives Betteln: Dazu zählt das Anfassen, Festhalten oder hartnäckige Verfolgen von Passanten.
- Verkehrsbehinderung: Das Betteln darf den Fußgänger- oder Fahrzeugverkehr nicht stören.
- Einsatz von Kindern: Bettelnde Kinder sind strikt verboten.
- Vortäuschen von Behinderungen: Wer eine nicht vorhandene Krankheit oder Behinderung simuliert, handelt ordnungswidrig.
Auch das Campieren oder Lagern im öffentlichen Raum ist tagsüber untersagt. „Wenn die Straßen belebt sind, schreiten wir ein“, erklärt Natalie Riha. Nachts wird das Übernachten in Hauseingängen jedoch oft geduldet, solange keine Störungen wie Lärm oder aggressives Verhalten auftreten.
Hilfsangebote werden kaum genutzt
Die Stadt Köln bietet über Sozialarbeiter und das Ordnungsamt den bettelnden Menschen regelmäßig Hilfe an, etwa Plätze in Notschlafstellen oder Obdachlosenunterkünften. Laut Natalie Riha werden diese Angebote jedoch selten angenommen. „Sie leben lieber auf der Straße“, sagt sie. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen oft in dem Wunsch, als Gruppe zusammenzubleiben, sowie in der Sorge vor den Regeln und der Anonymität der Einrichtungen.
Spannungsfeld zwischen Händlern und Bettlern
Für Einzelhändler, Gastronomen und Immobilieneigentümer in der Innenstadt stellt die sichtbare Armut ein wachsendes Problem dar. Annett Polster, Geschäftsführerin von Stadtmarketing Köln, bezeichnet die Bettelei als „anhaltendes Problem“, das das Sicherheitsgefühl der Menschen beeinträchtige.
„Es verunsichert Passanten und Gäste, aber auch Mieter“, so Polster. Insbesondere in der Außengastronomie werde das Betteln teilweise als sehr aggressiv empfunden. Die Interessensvertretung der Kölner Wirtschaft fordert daher eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität, wozu auch ein konsequenteres Vorgehen gegen verbotene Formen der Bettelei gehöre. Die Präsenz von Ordnungskräften und Polizei wird von den Gewerbetreibenden ausdrücklich begrüßt.
Ein Leben am Rande der Gesellschaft
Die meisten der bettelnden Menschen kommen aus einem der ärmsten Länder der Europäischen Union. In Rumänien sehen sie oft keine Perspektive für sich und ihre Familien. Die Einnahmen aus dem Betteln in einer wohlhabenden Stadt wie Köln übersteigen bei Weitem das, was sie in ihrer Heimat verdienen könnten.
Die Kommunikation gestaltet sich oft schwierig, da die meisten weder Deutsch noch Englisch sprechen. Dies erschwert nicht nur den Kontakt zu Hilfseinrichtungen, sondern auch zu Journalisten, die ihre Geschichten erzählen möchten. Es ist ein Leben, das von täglicher Unsicherheit, Armut und der ständigen Konfrontation mit Ablehnung und Misstrauen geprägt ist.
Am Ende des Tages, wenn die Lichter der Geschäfte auf der Hohe Straße erlöschen, bleibt ein leiser Becher und die Hoffnung auf einen besseren nächsten Tag. Die Frau, die hier saß, packt ihr Schild ein und geht langsam die Straße hinunter, um sich ihrer Gruppe anzuschließen. Für sie ist dies keine organisierte Kriminalität, sondern ein organisierter Überlebenskampf.




