Täglich drängen sich Zehntausende Menschen durch die Hohe Straße in Köln, eine der meistbesuchten Einkaufsmeilen Deutschlands. Doch während die Blicke auf Schaufenster und Angebote gerichtet sind, bleibt ein Detail fast immer unbemerkt: Über den Geschäften, in den obersten Etagen, gibt es ein Leben. Eine kleine, fast unsichtbare Gemeinschaft hat hier ihr Zuhause gefunden.
Wir haben mit den Menschen gesprochen, die dort leben, wo andere nur einkaufen. Ihre Geschichten erzählen von unerwarteter Ruhe, den Herausforderungen des städtischen Trubels und einer besonderen Verbindung zu ihrer Stadt, die sich nur aus der Vogelperspektive erschließt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Hohe Straße zählt jährlich rund 17 Millionen Besucher, was etwa 46.500 Menschen pro Tag entspricht.
- Nur eine Handvoll Menschen wohnt in den oberen Etagen der Geschäftsgebäude.
- Die Wahrnehmung des Lebens dort reicht von „wunderbarer Ruhe“ bis zu Belästigung durch Lärm.
- Zukünftige Bauprojekte planen, mehr Wohnraum auf der Einkaufsstraße zu schaffen und sie dadurch neu zu beleben.
Ein Zuhause über dem Trubel
Wer an die Hohe Straße denkt, hat Bilder von vollen Gehwegen, Einkaufstüten und dem stetigen Murmeln einer Menschenmenge im Kopf. Doch für Ruth Jatzkowski ist dieses Murmeln ein beruhigendes Hintergrundgeräusch. Seit 17 Jahren lebt die 73-Jährige in ihrer Wohnung im vierten Stock, hoch über dem geschäftigen Treiben.
„Mich fragen oft Leute: Kann man denn hier überhaupt wohnen? Und ich sage: Hier kann man ganz wunderbar wohnen“, erklärt sie. Ihre 80-Quadratmeter-Wohnung verfügt über eine durchgehende Fensterfront und einen umlaufenden Balkon, der nicht nur Licht, sondern auch einen einzigartigen Ausblick bietet – sogar auf den Dom.
Zahlen zur Hohe Straße
Die Hohe Straße gehört konstant zu den Top 10 der meistfrequentierten Einkaufsstraßen in Deutschland. Die hohe Passantenfrequenz macht sie zu einem äußerst wertvollen Standort für den Einzelhandel, stellt aber auch besondere Anforderungen an die Infrastruktur und das Zusammenleben.
Im Gegensatz zu den lauten Hauptverkehrsstraßen der Stadt gibt es hier keinen Autolärm und kein Quietschen von Bahnen. „Man ist hier oben ganz abgeschieden, aber doch mittendrin“, beschreibt Jatzkowski das Gefühl. „Bei dem Gemurmel kann ich wunderbar einschlafen.“
Zwei Seiten einer Medaille: Lärm und Gemeinschaft
Doch nicht alle Anwohner empfinden die Geräuschkulisse als angenehm. Nur wenige Häuser weiter wohnt Maria B. seit 35 Jahren. Die 85-jährige ehemalige Ladenbesitzerin hat eine andere Perspektive auf das Leben über der Einkaufsmeile. „Früher habe ich mich gefreut, wenn um 11 Uhr die Musiker unten spielten“, erinnert sie sich. Heute empfindet sie die Darbietungen oft als störend und laut.
Ihre Erfahrung zeigt, dass die Akustik von Gebäude zu Gebäude unterschiedlich sein kann. Während die eine die Ruhe genießt, hört die andere „viel Krakeelereien“, besonders nach Ladenschluss, wenn die Stille von früher einer unruhigeren Atmosphäre gewichen ist.
Ein unkonventionelles WG-Leben
Ein weiteres Beispiel für das Leben auf der Hohe Straße ist eine Wohngemeinschaft, die in einer großen Dachgeschosswohnung über den Schaufenstern residiert. Sieben Erwachsene und zwei Kinder teilen sich hier den Raum. „Hier kann man nachts um 3 Uhr Schlagzeug spielen oder feiern. Wir haben ja keine Nachbarn“, sagt Bewohner Florian Theissen. Die zentrale Lage ist für die meist künstlerisch tätigen Bewohner ein großer Vorteil.
„Hier gehen die Lichter nie aus. Und es gibt jeden Tag viel Input auch von den Touristen, verschiedene Kulturen, richtige Großstadtstimmung. Das Menschengucken macht süchtig.“
- Florian Theissen, Bewohner
Die Gemeinschaft schätzt die Nähe zum Hauptbahnhof und die Lebendigkeit. Gleichzeitig konfrontiert sie das Leben hier täglich mit den Extremen der Gesellschaft. „Man hat den heftigen Konsumkapitalismus jeden Tag vor Augen“, so Theissen. Aber auch die Not der Obdachlosen, die in den Hauseingängen Schutz suchen, ist allgegenwärtig.
Die praktische Seite des urbanen Lebens
Ein Leben ohne Auto ist für die Bewohner der Hohe Straße eine Selbstverständlichkeit. Die Infrastruktur bietet alles, was man braucht, in unmittelbarer Nähe. „Rewe ist in der Breite Straße, Aldi in der Richmodstraße, Bahnhof und U-Bahn sind wenige Hundert Meter entfernt“, zählt Ruth Jatzkowski auf. Für sie ist die Lage ideal, besonders im Alter, da ihr Haus über einen Aufzug verfügt.
Auch für die Familien in der Wohngemeinschaft ergeben sich Vorteile. Die Kinder wachsen in einer autofreien Umgebung auf, der Rhein ist schnell zu erreichen und der Schulweg ist kurz. Die zentrale Lage fördert zudem soziale Kontakte, da Freunde und Bekannte oft spontan vorbeikommen.
Historische Entwicklung: Vom Handelshaus zur Wohn-Oase?
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude auf der Hohe Straße primär für den Handel konzipiert. Verkaufsflächen erstreckten sich oft über mehrere Etagen, für Wohnungen war kein Platz vorgesehen. Da der Umsatz heute hauptsächlich im Erdgeschoss gemacht wird, stehen viele Obergeschosse leer. Dieser Leerstand eröffnet nun die Möglichkeit, Wohnraum zurück in die Innenstadt zu bringen.
Die Zukunft: Mehr Nachbarn für die Hohe Straße
Die kleine Gruppe von Anwohnern wird in Zukunft wahrscheinlich wachsen. Mehrere große Bau- und Umbauprojekte sind für die Hohe Straße geplant, und bei allen ist die Schaffung von neuem Wohnraum ein zentraler Bestandteil. Die Stadt und Investoren haben erkannt, dass eine reine Einkaufsmeile nach Ladenschluss verwaist. Wohnungen sollen die Straße beleben und sie auch abends und am Wochenende attraktiver machen.
Zu den wichtigsten Projekten gehören:
- Umbau des ehemaligen Mediamarkt-Gebäudes: Der größte Komplex der Straße wird umfassend umgestaltet.
- Neugestaltung des ehemaligen Mantelhauses Goertz: Auch hier sind neben Gewerbe- auch Wohnflächen vorgesehen.
- Neubau an der Ecke Große Budengasse: Anstelle des früheren Schuhhauses Raphael entsteht ein neues Gebäude, das ebenfalls Wohnungen integrieren wird.
Bis Ruth Jatzkowski, Maria B. und die Wohngemeinschaft neue Nachbarn begrüßen können, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Die anstehenden Bauarbeiten werden die Geduld der jetzigen Anwohner auf die Probe stellen. Doch die Aussicht auf eine belebtere und gemischter genutzte Nachbarschaft überwiegt. Vielleicht reicht es dann eines Tages sogar für ein gemeinsames Straßenfest der Anwohner – hoch über den Köpfen der Einkaufenden.




