In wenigen Tagen endet eine Ära in Köln. Der Großmarkt in Raderberg, seit über 85 Jahren ein zentraler Umschlagplatz für frische Lebensmittel, schließt am 31. Dezember 2025 endgültig seine Tore. Während die Stadt Köln das Gelände für das neue Stadtentwicklungsprojekt „Parkstadt Süd“ räumt, stehen viele der verbliebenen Händler vor einer ungewissen Zukunft und bangen um ihre Existenz.
Für rund 50 Betriebe läuft die Zeit ab. Wer bis jetzt keine neue Halle gefunden hat, sieht sich mit dem Ende seines Geschäfts konfrontiert. Die Entscheidung der Stadt, die Verträge zu kündigen und keine Verlängerung zu gewähren, hat zu Verzweiflung und Wut bei den traditionsreichen Familienunternehmen geführt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Kölner Großmarkt schließt am 31. Dezember 2025 nach über 85 Jahren Betrieb.
- Das Gelände wird für das Stadtentwicklungsprojekt „Parkstadt Süd“ benötigt.
- Etwa 50 Händler sind von der Schließung betroffen; viele haben noch keine neuen Standorte gefunden.
- Die Stadt Köln lehnt eine Verlängerung der Mietverträge strikt ab und gewährt nur eine vierwöchige Frist für den Rückbau.
- Händler kritisieren die Stadt für jahrelange Hinhaltetaktik und mangelnde Unterstützung.
Ein Lebenswerk in Gefahr
Die Stimmung auf dem riesigen Areal in Raderberg ist gedrückt. Zwischen Paletten mit Obst und Gemüse mischen sich Sorgenfalten in die Gesichter der Händler. Viele von ihnen haben ihr gesamtes Leben hier verbracht, die Betriebe oft über Generationen geführt. Nun stehen sie vor dem Nichts.
Einer von ihnen ist Berdan Dugan. Der 22-Jährige führt einen Familienbetrieb mit etwa zehn Angestellten, der seit 30 Jahren auf dem Markt aktiv ist. „Für uns sieht es aktuell sehr schwierig aus. Ich mache mir große Sorgen“, erklärt er. Die Verantwortung für seine Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden wiegt schwer. „Wir haben bisher kein passendes Lager gefunden. Unsere Mitarbeiter wissen nicht, ob sie im nächsten Jahr noch Arbeit haben. Das ist eine enorme Belastung für die Menschen.“
„Alle haben Familie, alle haben Kinder. Für sie steht alles auf dem Spiel.“
– Berdan Dugan, Markthändler
Die Suche nach einer Alternative ist kompliziert. Ein neuer Standort muss nicht nur zentral liegen und eine gute Verkehrsanbindung haben, sondern auch eine Genehmigung für den Nachtbetrieb ermöglichen – eine hohe Hürde. „Wir arbeiten nachts. Eine Genehmigung für den Betrieb rund um die Uhr zu bekommen ist schwer“, so Dugan.
Jahrelange Versprechen und enttäuschte Hoffnungen
Der Frust der Händler richtet sich vor allem gegen die Stadt Köln. Viele fühlen sich im Stich gelassen und getäuscht. Barbaros Avsar, der seit 1981 auf dem Großmarkt arbeitet, bringt die allgemeine Enttäuschung auf den Punkt.
„Man hat uns jahrelang versprochen, dass in Marsdorf ein neuer Großmarkt gebaut wird und wir dorthin ziehen können“, sagt der 60-Jährige. „Man hat uns hingehalten und immer wieder vertröstet. Und dann hieß es plötzlich: Ihr müsst selber sehen, wie ihr klarkommt.“ Dieses Gefühl, nach Jahrzehnten einfach vor die Tür gesetzt zu werden, teilen viele seiner Kollegen.
Hintergrund: Das Ende einer Institution
Der Kölner Großmarkt wurde 1940 eröffnet und war über Jahrzehnte das Herz des Lebensmittelhandels in der Region. Er versorgte Gastronomen, Einzelhändler und Wochenmärkte mit frischen Waren. Die Entscheidung zur Schließung fiel am 1. Oktober 2024 durch einen Beschluss von Grünen, CDU, Volt und Oberbürgermeisterin Henriette Reker, um Platz für die „Parkstadt Süd“, ein modernes Wohn- und Arbeitsquartier, zu schaffen.
Auch Haydar Karaman (56) kritisiert die Prioritätensetzung der Stadt: „Die Sanierung der Oper kostet 1,5 Milliarden Euro, aber für einen neuen Großmarkt ist kein Geld da.“ Obwohl er selbst ein provisorisches Lager in der Nähe gefunden hat, ist seine Zukunft ungewiss, wenn die gesamte Infrastruktur des Marktes verschwindet.
Die Stadt bleibt hart
Trotz der dramatischen Lage vieler Betriebe zeigt die Stadtverwaltung keine Kompromissbereitschaft. Auf Anfrage wurde wiederholt bestätigt, dass der Marktbetrieb am 31. Dezember 2025 um 14 Uhr endet. Eine Verlängerung für den Handel wird es nicht geben.
Keine Gnadenfrist für den Handel
Die Stadt Köln teilte mit, dass das Gelände ab dem 1. Januar 2026 als städtisches Privatgelände gilt. Der Zutritt wird durch Zäune, Tore und einen Wachdienst gesichert. Kunden- und Warenverkehr sind dann nicht mehr gestattet. Den Händlern wird lediglich eine Frist von maximal vier Wochen zu Beginn des Jahres 2026 eingeräumt, um ihre Hallen zu räumen und Rückbauarbeiten durchzuführen – nicht jedoch, um weiter Handel zu treiben.
Die städtische Wirtschaftsförderung Kölnbusiness verweist darauf, dass sie den Händlern seit 2023 Unterstützung bei der Standortsuche angeboten habe. Dieses Angebot sei jedoch nur von wenigen Betrieben in Anspruch genommen worden. Von 50 kontaktierten Händlern hätten sich lediglich sechs zurückgemeldet.
Diese Darstellung widerspricht der Wahrnehmung vieler Händler, die sich über zu wenig Zeit und unzureichende Hilfe beklagen. „Erst hat man die Händler jahrelang hingehalten und ihnen dann viel zu wenig Zeit gegeben, um eine Alternative zu finden“, sagt Michael Rieke, Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Großmarkt.
Zersplitterung und die Folgen für die Stadt
Einige wenige Händler haben bereits neue Standorte gefunden, doch eine zentrale Lösung gibt es nicht. Norbert Heep, erster Vorsitzender der IG Kölner Großmarkt, ist mit seiner Firma an den Blumengroßmarkt in Riehl gezogen. Andere weichen nach Gremberghoven, Chorweiler, Ossendorf oder sogar in Nachbarstädte wie Leverkusen und Bornheim aus.
Diese Zersplitterung hat weitreichende Konsequenzen. „Dadurch, dass wir gezwungen wurden, uns in Köln und Umgebung zu verteilen, wird es in der Stadt mehr Verkehr geben“, prognostiziert Heep. Die Händler sind aufeinander angewiesen und müssen nun weite Strecken zurücklegen, um Waren auszutauschen.
- Mehr Verkehr: Lieferanten und Händler müssen längere und mehr Fahrten zwischen den neuen, verstreuten Standorten unternehmen.
- Höherer Aufwand für Kunden: Gastronomen und Einzelhändler, die bisher alles an einem Ort bekamen, müssen künftig verschiedene Adressen in der ganzen Stadt anfahren.
- Nachteile für regionale Erzeuger: Bauern aus der Region verlieren einen zentralen Abnehmer und müssen neue Vertriebswege finden.
Lieferant Gökhan Polat (40) bestätigt diese Sorge: „Ich muss in Zukunft viel mehr fahren, um alle Händler beliefern zu können.“ Die Schließung des zentralen Marktes führt somit paradoxerweise zu einer Belastung für die städtische Infrastruktur und die Umwelt – ein Punkt, der in der politischen Debatte oft vernachlässigt wurde.
Während die Stadt die Weichen für eine moderne „Parkstadt Süd“ stellt, bleibt die Frage offen, welchen Preis die lokale Wirtschaft und die jahrzehntelang gewachsenen Strukturen des Lebensmittelhandels dafür zahlen müssen. Für viele Händler auf dem Großmarkt ist dieser Preis ihre Existenz.




