Kurz vor dem Höhepunkt der Karnevalssession sorgt eine Entscheidung des Festkomitees Kölner Karneval für erheblichen Unmut. Die geplante Einrichtung von zwei neuen Bereichen für Menschen mit Behinderung am Rosenmontagszugweg auf der Mittelstraße zwingt eine seit zwölf Jahren bestehende karitative Feier zur Absage und entfacht eine hitzige Debatte über Inklusion, Kommerz und Tradition.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Festkomitee plant zwei neue barrierefreie Zonen ("Puute Kaschöttche") auf der Mittelstraße.
- Diese Maßnahme führt zur Absage der seit 12 Jahren stattfindenden Benefiz-Party „Papperlapappnas“.
- Die Organisatorin wirft dem Festkomitee Schikane und eine „Perversion des Mottos“ vor.
- Das Festkomitee verteidigt die Entscheidung mit dem Bedarf an barrierefreien Plätzen und verweist auf sein alleiniges Vermarktungsrecht am Zugweg.
Neue Pläne mit weitreichenden Folgen
Wenige Wochen vor Rosenmontag hat das Festkomitee Kölner Karneval (FK) angekündigt, das Angebot für Menschen mit Einschränkungen auszubauen. Entlang der 7,5 Kilometer langen Zugstrecke sollen zwei neue sogenannte „Puute Kaschöttche“ entstehen. Diese geschützten Bereiche ermöglichen es Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, den Zoch sicher zu erleben.
Als Standort für diese neuen Zonen wurden die Hausnummern 21 bis 23 sowie 27 bis 29 auf der Mittelstraße ausgewählt. Genau in diesem Abschnitt findet jedoch seit über einem Jahrzehnt die private Feier „Papperlapappnas“ statt, die von Gesa Schmidt und ihrem Verein Arts and Culture Germany e.V. organisiert wird.
Das Ende einer Tradition für den guten Zweck
Die „Papperlapappnas“-Party war für Anwohner, Geschäftsleute und Freunde ein fester Bestandteil des Karnevals. Gegen eine Gebühr von 35 Euro und eine Spende von 30 Euro erhielten die Gäste ein Bändchen, das sie zur Verpflegung berechtigte. Die Einnahmen deckten die Kosten für mobile Toiletten, Sicherheitspersonal und einen Kommentator. Überschüsse wurden regelmäßig an soziale Projekte gespendet, wie zum Beispiel an den Verein „Dat kölsche Hätz“.
Mit der Einrichtung der „Puute Kaschöttche“ ist die Durchführung der Feier nicht mehr möglich. Das Festkomitee teilte Schmidt mit, dass die üblicherweise auf Vereinskosten bestellten acht bis zehn mobilen Toiletten nicht mehr auf der Mittelstraße aufgestellt werden dürfen. Sie sollen stattdessen in Seitenstraßen platziert werden, was das Konzept der Party unmöglich macht.
Hintergrund: „Puute Kaschöttche“
Die „Puute Kaschöttche“ sind spezielle, barrierefreie Bereiche entlang des Rosenmontagszugweges. Sie werden vom Festkomitee Kölner Karneval eingerichtet, um Menschen mit Behinderungen eine sichere und zugängliche Möglichkeit zu bieten, am Geschehen teilzunehmen. Insgesamt sind neun solcher Bereiche geplant.
Vorwürfe der Schikane und Instrumentalisierung
Die Organisatorin Gesa Schmidt reagierte mit Wut und Unverständnis auf die Entscheidung. Sie vermutet, dass die neuen Behindertenbereiche gezielt an diesem Ort platziert wurden, um ihre Veranstaltung zu unterbinden, die dem Festkomitee schon länger ein Dorn im Auge sei.
„Zwischen Hausnummer 15 und 17 wird die Mittelstraße viel breiter. Da ist Platz ohne Ende. Wo wir feiern, ist es total eng“, erklärte Schmidt. Sie empfindet das Vorgehen als „Schikane“ und eine „Perversion des Mottos“, das in diesem Jahr „Mer dun et för Kölle“ lautet.
Besonders absurd findet sie den Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit, der ihr aufgrund ihrer Kritik entgegengebracht wurde. „Nach einem schrecklichen Motorradunfall vor mehr als einem Jahr habe ich selber einen schwerbehinderten Sohn, das Thema Inklusion ist also für mich jeden Tag brandaktuell“, betonte sie. Ohne die Spenden vom Rosenmontag könnten viele soziale Projekte nicht mehr unterstützt werden.
Die Position des Festkomitees
Das Festkomitee weist die Vorwürfe zurück und begründet die Standortwahl sachlich. Ein Sprecher teilte mit, dass die Mittelstraße einen barrierefreien Zugang sowie eine leichte An- und Abfahrt auch während des Zuges ermögliche, da keine Zugwegkreuzung überquert werden müsse. Dies sei wichtig, da nicht alle Teilnehmenden in den „Puute Kaschöttche“ bis zum Ende bleiben könnten.
Die Auswahl beider Standorte sei in enger Absprache mit dem Ordnungsamt erfolgt. Man verteile die zunehmend gefragten Behindertenbereiche gezielt auf weniger ausgelastete Abschnitte des Zugweges.
Finanzierung des Rosenmontagszugs
- Jährliche Kosten: 3,5 Millionen Euro
- Der Zug ist laut Festkomitee hoch defizitär.
- Tribünen nehmen etwa 20 % des Zugwegs ein und sind eine wichtige Einnahmequelle.
- Die Stadt erlaubt eine Bebauung von bis zu 25 % der Strecke.
Gleichzeitig macht das FK kein Geheimnis aus seiner grundsätzlichen Haltung gegenüber privaten Feiern am Zugweg. Man besitze das alleinige Vermarktungsrecht für die gesamte Strecke, da man den Zug organisiere, verantworte und bezahle.
Der Sprecher zog einen deutlichen Vergleich: „Niemand würde auf die Idee kommen, beispielsweise im Stadion einen Bereich für sich zu beanspruchen und dafür die Hand aufzuhalten.“ Solche „Trittbrettfahrer“, die öffentlichen Raum für eine Veranstaltung beanspruchen, zu der sie nichts beitragen, und dafür Eintritt verlangen, seien nicht erwünscht.
Geteilte Meinungen bei den Anliegern
Die Meinungen der direkten Anlieger gehen auseinander. Winfried Hüpel von Brillen Hallerbach an der Mittelstraße 29, der seinen Hauseingang seit Jahren für die Feier zur Verfügung stellt, äußerte sich verständnisvoll gegenüber der Organisatorin. „Es hat bisher keine Probleme gegeben. Ich war selber auch schon einige Mal dabei, es wurde schön gefeiert“, sagte er. Er vermutet hinter der Entscheidung „Karnevalspolitik“ und stellt infrage, ob der engste Teil der Straße der beste Ort für die Behindertenbereiche sei.
Anders sieht es der Betreiber des benachbarten Café Rico. Er, der namentlich nicht genannt werden möchte, fühlt sich durch die Party gestört. Früher habe man selbst eine kleine Feier veranstaltet, doch heute lohne sich das Öffnen nicht mehr, da die Menschen nicht mehr durchkämen. Er berichtete, dass Security-Mitarbeiter Personen ohne Bändchen den Durchgang verwehrt hätten und die mobilen Toiletten bereits frühmorgens vor seinem Laden standen. „Haben wir kein Anrecht?“, fragte er und verwies auf die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage nach der Corona-Pandemie.




