Nach einer politischen Debatte über das Kölner Stadtbild zeigt eine Umfrage auf den Straßen der Domstadt ein klares Bild: Die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger drehen sich weniger um abstrakte politische Thesen, sondern um ganz konkrete, alltägliche Probleme. Müll, Baustellen und Verkehr dominieren die Wahrnehmung, während die offene Art der Menschen als größtes Plus der Stadt gesehen wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Die größten Störfaktoren im Kölner Stadtbild sind für die Bürger Müll, Baustellen und die Verkehrssituation.
- Die offene und freundliche Mentalität der Kölner wird als prägendes und positives Merkmal der Stadt empfunden.
- Soziale Themen wie die sichtbare Obdachlosigkeit beschäftigen die Menschen deutlich mehr als die durch politische Äußerungen angestoßene Migrationsdebatte.
- Die Aussagen von CDU-Chef Friedrich Merz werden von vielen als politisches Manöver und nicht als Spiegel der Realität wahrgenommen.
Eine Stadt zwischen Charme und Chaos
Wer durch die Kölner Innenstadt geht, dem fallen viele Dinge auf. Historische Bauten stehen neben modernen Geschäftshäusern, belebte Plätze laden zum Verweilen ein. Doch fragt man die Menschen, die hier leben und arbeiten, was das Stadtbild für sie ausmacht, treten schnell die alltäglichen Herausforderungen in den Vordergrund.
„Das Erste, was mir einfällt, sind Baustellen“, sagt ein 53-jähriger Kölner namens Schmidt. Eine Aussage, die viele teilen. Die Stadt scheint sich in einem permanenten Umbauzustand zu befinden. Besonders die Verkehrssituation wird als „Katastrophe“ beschrieben, wie die 74-jährige Cäcilie anmerkt. „Überall sind Sperrungen, wie aktuell an der Nord-Süd-Fahrt.“
Das Problem mit dem Müll
Ein weiteres, häufig genanntes Ärgernis ist die Sauberkeit. „Viel Müll. Das war früher anders und ist auf jeden Fall extremer geworden“, erklärt Cäcilie. Sie beschreibt ein Bild, das viele kennen: „In der Innenstadt geht man quasi an keinem Mülleimer vorbei, der nicht überläuft.“ Diese Beobachtung prägt den täglichen Eindruck und führt zu Frustration über den Zustand des öffentlichen Raums.
Hintergrund der Debatte
Die Diskussion über das Stadtbild wurde durch Äußerungen des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz entfacht. Er sprach von „diesem Problem im Stadtbild“ und deutete an, dass es im Zusammenhang mit Migration und der Sicherheit von Frauen stehe. Diese Aussagen stießen auf breite Kritik und veranlassten uns, die Kölnerinnen und Kölner direkt zu fragen, wie sie ihre Stadt wahrnehmen.
Der Mensch im Mittelpunkt
Trotz der Kritik an Infrastruktur und Sauberkeit überwiegt bei vielen ein positives Gefühl, das eng mit den Menschen verbunden ist. „Für mich prägen die Menschen, denen ich hier begegne, das Stadtbild“, betont die 76-jährige Marika Orthen. „Deren Zugewandtheit, deren Offenheit, deren Bereitschaft, sich auf ein Gespräch einzulassen. Das ist das Wichtigste und typisch für Köln.“
Auch die 43-jährige Christin, die in Köln arbeitet, sieht das ähnlich. Sie beschreibt die Stadt als „ein bisschen usselig“, aber gerade deshalb fühle man sich hier wohl. „Das liegt vor allem an den Menschen und ihrem Frohsinn“, sagt sie und zieht einen Vergleich: „Düsseldorf ist ordentlicher, aber dafür fühlt man sich nicht so willkommen.“
Soziale Fragen statt politischer Rhetorik
Die politische Debatte, die von Friedrich Merz angestoßen wurde, scheint an der Lebensrealität vieler Kölner vorbeizugehen. Stattdessen rücken soziale Probleme in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ein 62-jähriger Passant, der anonym bleiben möchte, nennt als auffälligstes Merkmal „die unglaublich große Zahl an Obdachlosen“.
„Überall, wo ein Geschäftseingang ist, liegt abends jemand. Das hat Köln, das hat Deutschland nicht nötig. Wir sind immer noch so ein reiches Land. Wieso verteilen wir das Geld nicht so, dass jeder Mensch ein Dach über dem Kopf hat?“
– Ein 62-jähriger Kölner
Diese Sorge um die Schwächsten der Gesellschaft wiegt für ihn schwerer als die von Merz angedeuteten Probleme. Er empfindet dessen Rhetorik als gefährlich, da sie „Wasser auf die Mühlen derer ist, die Menschen mit Migrationshintergrund loswerden wollen.“ Er ist überzeugt: „99 Prozent der Leute, die zu uns gekommen sind, sind eine Bereicherung.“
Kritik an politischen Manövern
Viele Befragte sehen in den umstrittenen Äußerungen eine politische Strategie, um Wähler am rechten Rand zu gewinnen. „Damit will er wohl der AfD das Wasser abgraben“, vermutet Cäcilie. Sie wünscht sich, dass „statt solcher Sprüche die richtigen Probleme angegangen werden – Stichwort Rente.“
Auch der 35-jährige Manuel kritisiert die Aussage scharf, da sie „nur der AfD in die Hände spielt“. Er beobachtet eine Verschiebung des Sagbaren seit 2015 und sieht darin eine Gefahr für die offene Gesellschaft. Die zentralen Themen für ihn sind das Recht auf Asyl und die Folgen der europäischen Asylpolitik.
Fazit: Ein anderes Bild der Stadt
Die Stimmen aus der Kölner Innenstadt zeichnen ein differenziertes Bild. Die Bürgerinnen und Bürger sind sich der Mängel ihrer Stadt – von überquellenden Mülleimern bis hin zu Dauerbaustellen – bewusst. Doch die Identität Kölns definieren sie über die Menschen, die hier leben: ihre Offenheit, ihren Frohsinn und ihre direkte Art.
Die politische Debatte über eine vermeintliche Bedrohung durch Migration findet im Alltag der Befragten kaum einen Widerhall. Stattdessen sind es handfeste Probleme wie Verkehr, Sauberkeit und soziale Ungleichheit, die eine Lösung erfordern. Das „Problem im Stadtbild“ ist für viele Kölner nicht das, was Politiker andeuten, sondern das, was sie jeden Tag selbst erleben.




