Im November 2001 machte ein Rentner im Elsass einen glitzernden Fund in einem Kanal und löste damit unwissentlich einen der spektakulärsten Kunstkriminalfälle Europas, der direkt ins Herz von Köln führte. Die Entdeckung brachte einen Diebstahl ans Licht, der Monate zuvor im Kölnischen Stadtmuseum stattgefunden hatte und dessen Täter die Welt der Kunstexperten in Atem hielt.
Es war die Tat von Stéphane Breitwieser, einem der produktivsten Kunstdiebe der Geschichte, der nicht für Geld, sondern für seine private Sammlung stahl. Unter seiner Beute: unschätzbare Silberschätze aus Köln.
Das Wichtigste in Kürze
- Im Frühjahr 2001 wurden elf wertvolle Silberobjekte aus dem Kölnischen Stadtmuseum gestohlen.
- Der Täter war Stéphane Breitwieser, der europaweit Hunderte Kunstwerke entwendete.
- Die meisten der Kölner Objekte wurden später beschädigt aus einem Kanal im Elsass geborgen.
- Breitwiesers Motiv war nicht Profit, sondern eine persönliche Sammelleidenschaft. Zwei Kölner Stücke sind bis heute verschwunden.
Ein Spaziergang mit weitreichenden Folgen
Die Geschichte beginnt nicht in Köln, sondern am Rhein-Rhône-Kanal in Habsheim, Frankreich. Ende November 2001 bemerkte der Rentner James Lance beim Spazierengehen etwas Ungewöhnliches, das im Schlamm des Kanals schimmerte. Mit einem Rechen zog er einen silbernen Kelch, ein Jagdmesser und einen Pokal aus dem Wasser.
Dieser Zufallsfund alarmierte die Behörden. Polizeitaucher rückten an und durchkämmten den Kanal auf einer Länge von fast einem Kilometer. Was sie zutage förderten, übertraf alle Erwartungen: Insgesamt 107 Kunstobjekte lagen am Ufer, darunter Becher, Vasen, Uhren und sogar ein Ölgemälde. Unter den schlammverkrusteten Schätzen befand sich auch ein ganz besonderes Stück: ein vergoldeter Kokosnusspokal aus dem Jahr 1580.
Für die Ermittler war schnell klar, wessen Beute sie gefunden hatten. Die Kunstwerke stammten aus der Sammlung von Stéphane Breitwieser, einem damals 31-jährigen Kellner, der kurz zuvor in der Schweiz verhaftet worden war. In Panik hatte seine Mutter versucht, die Beweise zu vernichten, indem sie die gesamte Sammlung ihres Sohnes im Kanal versenkte.
Der stille Diebstahl im Kölner Stadtmuseum
Acht Monate vor dem Fund im Kanal war Köln zum Tatort geworden. Am Wochenende des 31. März oder 1. April 2001 spazierte Breitwieser in das Kölnische Stadtmuseum, das damals noch im historischen Zeughaus untergebracht war. Er fühlte sich unbeobachtet und nutzte die Gelegenheit.
Sein Ziel war eine Vitrine mit der Ausstellung „Kölner Silber“. Wie sich später herausstellte, war diese nur unzureichend gesichert. Breitwieser öffnete sie und entnahm elf Objekte mit einem geschätzten Wert von rund 300.000 Euro. Darunter befand sich auch der wertvolle Kokosnusspokal.
Der Kokosnusspokal von 1580
Der gestohlene Pokal ist ein herausragendes Beispiel der Goldschmiedekunst der Renaissance. Solche Pokale wurden aus exotischen Kokosnüssen gefertigt, die damals in Europa als seltene und kostbare Güter galten. Sie wurden in aufwendige Fassungen aus vergoldetem Silber gesetzt und dienten als Statussymbole in den Sammlungen reicher Bürger und Adliger.
Breitwieser agierte äußerst geschickt. Er stahl nicht einfach nur, sondern arrangierte die verbliebenen Stücke in der Vitrine neu, um die Lücken zu kaschieren. Zusätzlich platzierte er eine Informationstafel so, dass sie die leeren Stellen verdeckte. Seine Tarnung war so perfekt, dass der Diebstahl erst Tage später bemerkt wurde.
Ein Dieb aus Leidenschaft
Stéphane Breitwieser war kein gewöhnlicher Krimineller. Zwischen 1995 und seiner Verhaftung 2001 stahl er 239 Kunstwerke aus 172 Museen und Schlössern in ganz Europa. Der Gesamtwert seiner Beute wurde auf über eine Milliarde Euro geschätzt. Doch Geld war nie sein Antrieb.
„Ich liebe solche Kunstwerke. Ich sammelte sie und behielt sie zu Hause“, sagte Breitwieser 2005 vor Gericht.
Er verkaufte kein einziges Stück. Stattdessen richtete er sich auf dem Dachboden im Haus seiner Mutter ein privates Museum ein. Dort hingen die Meisterwerke, umgeben von den gestohlenen Skulpturen, Waffen und dem wertvollen Silber. Für ihn waren es Trophäen, die er in seinem persönlichen Reich bewunderte.
Ein beispielloser Kunsträuber
- 239 gestohlene Werke in nur sechs Jahren.
- 172 Tatorte in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Belgien.
- Durchschnittlich ein Diebstahl alle zwölf Tage.
- Der geschätzte Gesamtwert der Beute liegt bei über einer Milliarde Euro.
Der amerikanische Autor Michael Finkel, der eine Biografie über ihn schrieb, bezeichnete Breitwieser als den „vielleicht erfolgreichsten Kunstdieb aller Zeiten“. Obwohl Breitwieser angab, „Respekt vor deutschen Museen“ zu haben, sah er in der unzureichenden Sicherung im Kölner Stadtmuseum eine Einladung, die er nicht ausschlagen konnte.
Beschädigte Schätze und offene Wunden
Die Entdeckung im Rhein-Rhône-Kanal war für das Kölner Stadtmuseum eine bittersüße Nachricht. Neun der elf gestohlenen Objekte konnten identifiziert und zurückgeführt werden. Doch die monatelange Lagerung im Schlamm und Wasser hatte Spuren hinterlassen. Viele der filigranen Silberarbeiten waren stark beschädigt und mussten aufwendig restauriert werden.
Zwei wertvolle Stücke aus der Sammlung „Kölner Silber“ bleiben jedoch bis heute verschollen. Darunter befindet sich eine besonders kunstvolle Silberkanne. Ob sie von Breitwiesers Mutter an anderer Stelle entsorgt wurde oder sich noch immer im Schlamm des Kanals befindet, ist unklar.
Der Fall Stéphane Breitwieser ist eine Mahnung für Museen weltweit und zugleich ein faszinierendes Kapitel der Kölner Kriminalgeschichte. Er zeigt, wie verletzlich Kulturschätze sein können und erzählt die bizarre Geschichte eines Mannes, dessen Liebe zur Kunst ihn auf die schiefe Bahn brachte.




