Viele Frauen in Köln fühlen sich im öffentlichen Raum unsicher. Dunkle Parks, schlecht einsehbare Unterführungen und unübersichtliche U-Bahn-Stationen werden oft gemieden. Während bestimmte Gewaltdelikte statistisch leicht zurückgehen, steigt die Zahl der sexuellen Belästigungen an. Experten fordern nun ein Umdenken in der Stadtplanung und neue Konzepte zum Schutz von Frauen und Mädchen.
Die Wahrnehmung von Sicherheit unterscheidet sich stark zwischen den Geschlechtern. Alltägliche Vorsichtsmaßnahmen wie der Schlüssel in der Hand oder das Telefonat auf dem Heimweg sind für viele Frauen zur Routine geworden. Doch das Problem ist vielschichtig und reicht von verbaler Belästigung bis hin zu schweren Straftaten.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zahl der sexuellen Belästigungen in Köln stieg 2024 auf 588 Fälle an, während Vergewaltigungen leicht zurückgingen.
- Expertinnen sehen in einer geschlechtersensiblen Stadtplanung einen Schlüssel zu mehr Sicherheit für alle Bürger.
- Konzepte wie das Projekt „Edelgard“ und die Forderung nach verpflichtenden Awareness-Konzepten für Veranstaltungen sollen den Schutz verbessern.
- Die größte Gefahr für Frauen geht statistisch gesehen nicht von Fremden auf der Straße aus, sondern vom nahen sozialen Umfeld.
Das alltägliche Gefühl der Bedrohung
Für zahlreiche Frauen in Köln gehört die Angst im öffentlichen Raum zum Alltag. Sie beeinflusst Entscheidungen darüber, welche Wege man nach Einbruch der Dunkelheit wählt, welche Kleidung man trägt oder ob man öffentliche Verkehrsmittel nutzt. „Es gibt einen signifikanten Unterschied im Sicherheitsempfinden weiblich und männlich gelesener Personen“, erklärt Julia Pedersen, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln.
Dieses Gefühl der Unsicherheit wird oft durch sogenannte „Catcalls“ – sexuelle Belästigung ohne Körperkontakt – verstärkt. Pedersen beschreibt dies als eine „Machtdemonstration“, die darauf abzielt, Frauen gezielt zu verunsichern. Es ist ein Problem, das weit verbreitet ist und die Bewegungsfreiheit einschränkt.
Die Geschichte von Mona B., die im Frühsommer 2023 im Grüngürtel unterwegs war, ist ein erschreckendes Beispiel. Sie hörte einen Hilfeschrei und schritt ein, wodurch sie wahrscheinlich eine Vergewaltigung verhinderte. Für ihre Zivilcourage wurde sie später von der Polizei geehrt, doch die Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Dunkle Wege meidet sie seither konsequent.
Ein Blick auf die Kriminalstatistik
Die offiziellen Zahlen der Kölner Polizei für das Jahr 2024 zeichnen ein gemischtes Bild. Während die registrierten Fälle von Vergewaltigungen von 322 auf 310 und die von sexuellen Übergriffen von 134 auf 120 leicht sanken, zeigt sich bei der sexuellen Belästigung ein deutlicher Anstieg.
Kriminalitätszahlen in Köln (2024)
- Sexuelle Belästigung: 588 Fälle (Anstieg von 513 in 2023)
- Betroffene Frauen bei sexueller Belästigung: 577
- Vergewaltigungen: 310 Fälle (Rückgang von 322 in 2023)
- Sexuelle Übergriffe/Nötigung: 120 Fälle (Rückgang von 134 in 2023)
Dieser Anstieg bei Belästigungen ist besonders besorgniserregend, da solche Vorfälle das Sicherheitsgefühl im Alltag massiv beeinträchtigen. Bundesweit bestätigt die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2024 ebenfalls einen Anstieg der weiblichen Opfer von Gewalttaten.
Wie Stadtplanung Sicherheit schaffen kann
Expertinnen sind sich einig, dass die Gestaltung einer Stadt maßgeblich zur gefühlten Sicherheit beiträgt. „Eine sichere Stadt ist eine funktionierende Stadt“, sagt Yasemin Utku, Professorin für Städtebau an der Technischen Hochschule Köln. Es geht dabei um mehr als nur um Kriminalitätsprävention.
Eine bessere Beleuchtung, gut einsehbare Wege und belebte öffentliche Plätze erhöhen das Sicherheitsgefühl für alle Menschen – nicht nur für Frauen, sondern auch für Senioren, Kinder oder Menschen mit Behinderungen. In Köln existiert bereits seit 2004 das Konzept des „Gendermainstreaming“, das bei allen städtischen Entscheidungen die unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschlechter berücksichtigen soll.
Was ist Gendermainstreaming?
Gendermainstreaming ist eine Strategie, die darauf abzielt, bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein zu berücksichtigen. In der Stadtplanung bedeutet das zum Beispiel, Angsträume wie dunkle Unterführungen oder schlecht beleuchtete Parks zu vermeiden und Räume zu schaffen, die von allen gleichwertig genutzt werden können.
Besonders U-Bahn-Haltestellen sind ein zentraler Punkt. Professorin Utku schlägt vor, ungenutzte Zwischenebenen, wie etwa am Friesenplatz, durch Co-Working-Plätze, öffentliche Toiletten oder Kunsträume aufzuwerten. „Je vielfältiger ein Raum genutzt wird, umso sicherer wird er wahrgenommen“, erklärt sie. Ein positives Beispiel für eine solche Aufwertung sei der Ebertplatz.
Neue Wege in der Prävention
Neben baulichen Maßnahmen sind präventive Ansätze entscheidend. Das Kölner Projekt „Edelgard“ bietet eine Anlaufstelle für Frauen, Mädchen und queere Personen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Hanna Frank, eine Mitarbeiterin des Projekts, betont, dass Gewalt bereits bei unangenehmen Blicken oder Sprüchen beginnt.
„Ich möchte alle dazu aufrufen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und als Stadtgesellschaft nicht wegzusehen.“Hanna Frank, Projekt Edelgard
Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist die Einführung von Awareness-Konzepten. Diese zielen darauf ab, auf Veranstaltungen und in Klubs ein respektvolles Miteinander zu fördern und sichere Räume zu schaffen, in denen Betroffene von Übergriffen schnell Hilfe finden. Julia Pedersen schwebt ein Modell wie in Wien vor, wo seit Juli 2025 für alle größeren Klubs und Konzertstätten ein solches Konzept verpflichtend ist.
Die größte Gefahr lauert im Privaten
Trotz der berechtigten Sorgen um die Sicherheit im öffentlichen Raum darf eine entscheidende Tatsache nicht übersehen werden. Die größte Bedrohung für Frauen geht nicht von Fremden in dunklen Gassen aus.
„Bundesweit finden 80 Prozent der Verbrechen an Frauen durch Personen aus ihrem nahen Umfeld statt“, stellt Gleichstellungsbeauftragte Pedersen klar. Dies umfasst Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist hoch – auch in Köln. Die Debatte über Sicherheit muss daher weit über die Gestaltung von Parks und Bahnhöfen hinausgehen und auch die Gewalt hinter verschlossenen Türen in den Fokus rücken.




