Die Karnevalszeit in Köln ist für viele eine ernste Angelegenheit, ein tief verwurzeltes Kulturgut. Doch die diesjährigen Fernsehübertragungen der Feierlichkeiten durch ZDF und WDR haben bei zahlreichen Zuschauern für Unmut gesorgt. In den sozialen Netzwerken entlud sich eine Welle der Kritik, die von Vorwürfen der Respektlosigkeit bis hin zu Forderungen nach einer authentischeren Darstellung reicht.
Die wichtigsten Punkte
- Zuschauer kritisieren die ZDF-Übertragung der Kölner Mädchensitzung als zu stark gekürzt und lieblos zusammengeschnitten.
- Auch der WDR steht in der Kritik, weil er an Weiberfastnacht zu wenig von der Kölner Eröffnung gezeigt haben soll.
- Beide Sender verweisen auf die Notwendigkeit, ein breites, überregionales Publikum anzusprechen und die Vielfalt des Karnevals in NRW abzubilden.
- Die Reaktionen zeigen, wie emotional die Verbindung vieler Menschen zum traditionellen Kölner Karneval ist.
ZDF-Mädchensitzung: Ein „liebloser Mist“ in den Augen der Fans
Der Hauptauslöser der Verärgerung war die Ausstrahlung der Sendung „Kölle Alaaf – Die Mädchensitzung“ im ZDF. Die ursprünglich sechsstündige Veranstaltung, aufgezeichnet am 14. Januar im Theater am Tanzbrunnen, wurde für das Fernsehpublikum auf nur 90 Minuten komprimiert. Eine zweieinhalbstündige Version wurde in der Mediathek bereitgestellt.
Für viele Karnevalisten war dieser Zuschnitt nicht akzeptabel. Die Reaktionen auf der Facebook-Seite des Senders waren deutlich. Über 600 Kommentare sammelten sich unter der Ankündigung, die meisten davon negativ. Zuschauer beklagten einen zusammenhanglosen und „kastriert“ wirkenden Zusammenschnitt.
Ein Nutzer fragte rhetorisch: „Was sollte dieser Mist?“, und fügte hinzu, dass man auf eine derart „leblose“ Übertragung verzichten könne. Andere Kommentare nannten den Schnitt „mega schlimm“ und eine „absolute Unverschämtheit“.
Fehlende Tradition und kölsche Sprache
Besonders schmerzlich vermissten die Zuschauer traditionelle Elemente, die für den Kölner Karneval unverzichtbar sind. Weder das Kölner Dreigestirn noch die traditionellen Funkenmariechen wurden in der gekürzten Fassung gezeigt. Dies wurde als Missachtung der lokalen Bräuche empfunden.
Die Kürzung im Detail
- Originaldauer: 6 Stunden
- TV-Ausstrahlung (ZDF): 1,5 Stunden
- Mediathek-Version: 2,5 Stunden
Dies bedeutet, dass mehr als die Hälfte des ursprünglichen Programms für das Fernsehpublikum herausgeschnitten wurde.
Zusätzliche Kritik entzündete sich an der Moderation von Sitzungspräsidentin Tanja Wolters. Ihr wurde vorgeworfen, nicht durchgängig den kölschen Dialekt verwendet zu haben, was für viele zur Authentizität einer solchen Sitzung dazugehört.
Das ZDF reagierte auf die Kritik und erklärte, man wolle mit der Übertragung die Tradition des Kölner Karnevals einem bundesweiten Publikum nahebringen. Eine Sprecherin des Senders bezeichnete die Ausstrahlung als ein „Best-of“ der Sitzung. Man werde sich intern mit der Kritik der Zuschauer auseinandersetzen.
Auch WDR in der Kritik: Zu wenig Köln an Weiberfastnacht
Nicht nur das ZDF, auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) sah sich mit dem Unmut der Karnevalsfans konfrontiert. Stein des Anstoßes war hier die Live-Übertragung zur Eröffnung des Straßenkarnevals an Weiberfastnacht. Die Sendung schaltete zwischen verschiedenen Städten in Nordrhein-Westfalen hin und her.
Viele Kölner Zuschauer fühlten sich dabei vernachlässigt. „Hab ich was verpasst? Wo war die Eröffnung in Köln?“, fragte ein Nutzer auf der Facebook-Seite des WDR. Ein anderer kommentierte resigniert, die Kölner Eröffnung sei dem Sender offenbar nur „2 Sekunden wert“ gewesen.
Der Spagat der Öffentlich-Rechtlichen
Öffentlich-rechtliche Sender wie ZDF und WDR stehen vor der Herausforderung, sowohl regionale Identitäten zu wahren als auch ein überregionales Publikum zu bedienen. Während das ZDF eine bundesweite Perspektive einnimmt, muss der WDR den Karneval in ganz NRW abbilden – von Aachen über Düsseldorf bis nach Westfalen. Dieser Spagat führt oft zu Kompromissen, die bei traditionsbewussten Zuschauern in den Hochburgen auf Unverständnis stoßen.
Die Forderung war klar: Der Fokus sollte stärker auf dem Geschehen in der Karnevalshochburg Köln liegen. „Bitte bleibt auch mal in Köln. Das hin und her schalten nervt“, lautete ein weiterer Kommentar. Allerdings gab es auch Gegenstimmen, die die Vielfalt der Übertragung lobten und darauf hinwiesen, dass Köln nicht der „Nabel der Karnevalswelt“ sei.
WDR verteidigt Programmvielfalt
Der WDR verteidigte seine Programmgestaltung. Eine Sprecherin teilte auf Anfrage mit, dass der Sender traditionell aus ganz Nordrhein-Westfalen berichte. Karneval werde nicht nur in Köln und Düsseldorf gefeiert, sondern in vielen Regionen des Landes.
„Diese Vielfalt bilden wir angemessen im Programm ab. Dazu gehört auch das bewusste Zuschalten zu unterschiedlichen Orten und Bühnen, etwa bei Weiber Live, das seit jeher Eindrücke aus mehreren Teilen NRWs zeigt.“
Zusätzlich wurde der Wegfall beliebter Formate beklagt. So findet die WDR-Veranstaltung in den Kölner Arcaden seit 2024 aus Kostengründen nicht mehr statt. Auch die beliebte Puppensitzung aus dem Hänneschen Theater wurde nicht mehr im WDR übertragen. Der Sender verwies darauf, dass das Theater den Stream nun selbst auf seiner Webseite verkauft.
Ein Spiegelbild der tiefen Verbundenheit
Die heftigen Reaktionen in den sozialen Medien sind mehr als nur Unmut über ein Fernsehprogramm. Sie spiegeln die tiefe emotionale und kulturelle Bedeutung wider, die der Karneval für die Menschen in Köln und der Region hat. Es ist für sie keine beliebige Party, sondern die „fünfte Jahreszeit“, ein Ausdruck von Identität, Tradition und Lebensgefühl.
Wenn diese Tradition in den Augen der Jecken nicht mit dem nötigen Respekt und der erforderlichen Sorgfalt behandelt wird, reagieren sie sensibel. Die Kritik an ZDF und WDR zeigt den schmalen Grat, auf dem sich die Sender bewegen: zwischen dem Anspruch, ein breites Publikum zu unterhalten, und der Pflicht, ein wertvolles Kulturgut authentisch darzustellen. Für viele Karnevalisten haben die Sender in diesem Jahr die Balance verloren.




