In Köln-Mülheim, an dem Ort, an dem ein Mahnmal für die Opfer des NSU-Nagelbombenanschlags von 2004 entstehen soll, hat sich eine offene Drogenszene etabliert. Anwohner und Opfer des Attentats kritisieren die jahrelange Untätigkeit von Politik und Investor, während das Gelände zunehmend verwahrlost und zu einem Symbol gebrochener Versprechen wird.
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem rechtsextremen Terroranschlag ist die Situation an der Ecke Keupstraße und Schanzenstraße eskaliert. Statt eines Ortes des Gedenkens finden sich dort heute Müll, Fäkalien und Menschen, die in den verlassenen Industriehallen Schutz und einen Ort für ihren Drogenkonsum suchen. Die Geduld der Betroffenen ist am Ende.
Das Wichtigste in Kürze
- An dem für das NSU-Mahnmal vorgesehenen Ort in der Keupstraße hat sich eine Drogenszene gebildet.
- Das Gelände ist unzureichend gesichert, obwohl es dem Immobilienentwickler Gentes gehört.
- Opfer des Anschlags und Anwohner fühlen sich von der Politik im Stich gelassen, da das Mahnmal seit Jahren versprochen, aber nicht realisiert wird.
- Die Stadt Köln verweist auf Verzögerungen und die Verantwortung des Eigentümers.
Ein Ort des Gedenkens verkommt
Wo eigentlich ein würdevoller Ort der Erinnerung an die 22 Verletzten des NSU-Anschlags vom 9. Juni 2004 entstehen sollte, bietet sich heute ein trostloses Bild. Die alten Industriehallen auf dem Grundstück sind zu einem Rückzugsort für Obdachlose und Drogenabhängige geworden. Anwohner berichten von einer wachsenden Gruppe von Menschen, die dort leben, schlafen und Drogen wie Crack und Heroin konsumieren.
Die Zustände sind katastrophal. Blutspuren auf dem Boden, vermüllte Räume und der Gestank von Exkrementen prägen das Innere der Gebäude. „Zuerst waren es nur vier oder fünf Personen, inzwischen sind es mindestens 15“, berichtet ein Anwohner. Die Stadtverwaltung bestätigt, dass es sich um „obdachlose, drogengebrauchende Menschen“ handelt, die sich dort aufhalten, überwiegend aus den Stadtteilen Mülheim und Kalk.
Die Perspektive der Opfer
Für die Opfer des Anschlags ist die Situation besonders schmerzhaft. Muhammet Agazgün, der damals durch die Explosion schwer verletzt wurde und seitdem auf einem Ohr fast taub ist, kann die Entwicklung nicht fassen. Er war Augenzeuge, als die NSU-Terroristen die Nagelbombe zündeten.
„Die Politik hat uns jahrelang versprochen, dass wir ein Mahnmal bekommen, einen Raum zum Erinnern. In allen anderen Städten mit Opfern der NSU-Morde gibt es Gedenkorte. Ich verstehe nicht, dass die Politik zulässt, dass der Ort, der für uns so wichtig ist, stattdessen so verkommt.“
Agazgün und andere Betroffene fühlen sich doppelt traumatisiert – erst durch den Anschlag und die falschen Verdächtigungen der Ermittlungsbehörden, und nun durch die Respektlosigkeit gegenüber ihrem Leid. „Ein Erinnerungsort würde auch helfen, dass wir unseren Frieden machen können“, fügt er hinzu.
Hintergrund: Das NSU-Attentat in der Keupstraße
Am 9. Juni 2004 zündeten Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) eine mit über 700 Zimmermannsnägeln gefüllte Bombe in der belebten Keupstraße. 22 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Jahrelang ermittelten die Behörden fälschlicherweise im Umfeld der Opfer und unterstellten Verbindungen zur organisierten Kriminalität, was für die Betroffenen eine zusätzliche Belastung darstellte.
Verantwortung zwischen Stadt und Investor
Die Frage nach der Verantwortung führt zu einem komplexen Geflecht aus Zuständigkeiten. Das Gelände gehört dem Düsseldorfer Immobilienentwickler Gentes, der dort ursprünglich 320 Wohnungen, Büros und Handelsflächen errichten wollte. Bereits 2021 einigte sich das Unternehmen mit der Stadt, eine Teilfläche für das Mahnmal zur Verfügung zu stellen.
Doch passiert ist seitdem wenig. Das Gelände ist nur unzureichend durch einen Bauzaun gesichert, der an mehreren Stellen offensteht. Mülheims Bezirksbürgermeister Vincent Morawietz kritisiert den Eigentümer scharf: „Ganz offensichtlich kommt das Unternehmen seinen Pflichten zur Sicherung des Geländes nicht nach.“ Er habe Gentes bereits mehrfach schriftlich auf die Mängel hingewiesen.
Ein Mahnmal ohne Zeitplan
Der Beschluss zur Planung eines Mahnmals durch den Stadtrat erfolgte bereits 2014. Der Entwurf des Künstlers Ulf Aminde wurde Ende 2016 ausgewählt. Die ehemalige Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärte jedoch, dass es auch 2026 noch kein Mahnmal geben werde.
Das Unternehmen Gentes verweist auf laufende Abstimmungen mit den Behörden und gibt an, das Grundstück „durch eine umfassende Bauzaunanlage“ gesichert zu haben. Eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs, die eine Räumung ermöglichen würde, hat der Eigentümer bisher nicht gestellt. Gerüchte über einen möglichen Weiterverkauf der Fläche weist das Unternehmen zurück.
Soziale Probleme und die Folgen für Mülheim
Die offene Drogenszene auf dem Brachgelände ist auch eine Folge anderer städtischer Versäumnisse. In Kalk hätte längst ein neuer Drogenkonsumraum in der Neuerburgstraße eröffnen sollen. Die Räumlichkeiten sind fertig eingerichtet, die Stadt zahlt über 4.600 Euro Monatsmiete, doch die Betriebserlaubnis steht noch aus. Ein Eröffnungstermin ist ungewiss, angestrebt wird das Frühjahr.
Diese Verzögerung verschärft die Lage in Mülheim. Bünyamin Köksoy, Vorsitzender der IG Keupstraße, beschreibt die Auswirkungen auf das Viertel: „Wir erleben auf der Keupstraße jetzt Menschen, die halbnackt herumlaufen, die schreien, aggressiv sind und die Straße als Toilette benutzen.“ Dies sei ein herber Rückschlag, nachdem Ordnungsbehörden in den letzten Jahren viel für die Sicherheit in der Straße getan hätten.
Ein Schandmal statt Mahnmal
Für die Anwohner und insbesondere für die Opfer des Anschlags ist der aktuelle Zustand unerträglich. „Dort soll ein Mahnmal entstehen, jetzt haben wir ein Schandmal“, fasst Bezirksbürgermeister Morawietz die Situation zusammen. Sandra Jasper, Sozialraumkoordinatorin für Mülheim-Nord, die die Stadt bereits im Dezember informierte, nennt den Zustand „ein Mahnmal für sich“.
Die Interessengemeinschaft Keupstraße und ein breites Bündnis fordern, den Platz bis zum ungewissen Baubeginn zumindest als temporären Gedenkort zu nutzen, etwa für Ausstellungen oder Informationsveranstaltungen. Die Hoffnung richtet sich nun an den neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester. „Wir hoffen, dass der OB sich an uns erinnert – und Druck macht auf den Investor“, sagt Köksoy.
Die Plakate an den Fenstern der verlassenen Gebäude stellen eine Frage, die lauter ist als jeder Lärm auf der Straße: „Wann kommt das Mahnmal?“ Für die Menschen in der Keupstraße ist es eine Frage der Würde, des Respekts und der seit über 20 Jahren ausstehenden Gerechtigkeit.




