Die Weimarer Republik wird oft als eine Zeit des permanenten Krisenmodus dargestellt – geprägt von Hyperinflation, politischer Instabilität und dem unaufhaltsamen Aufstieg des Nationalsozialismus. Ein neues Buch des Historikers Christoph Nonn zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild und nutzt Köln als Beispiel, um mit weit verbreiteten Mythen aufzuräumen. Die Stadt am Rhein erlebte demnach Phasen großer Modernität, wirtschaftlichen Optimismus und eine wachsende Akzeptanz für die Demokratie.
Nonns Forschungen zeigen, dass viele Kölner die „Goldenen Zwanziger“ tatsächlich als eine Zeit des Aufbruchs und der Verbesserung ihres Lebensstandards empfanden. Selbst die verheerende Inflation von 1923 hatte nicht für alle die katastrophalen Folgen, die oft angenommen werden. Diese neuen Erkenntnisse werfen ein anderes Licht auf die Jahre zwischen 1918 und 1933 und bieten überraschende Parallelen zur Gegenwart.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Hyperinflation von 1923 traf vor allem Vermögende; die Mehrheit der Kölner besaß wenig und verlor daher auch wenig.
- Die Demokratie war in den 1920er Jahren in Köln auf dem Vormarsch und gewann an Zustimmung, entgegen dem Klischee der „Demokratie ohne Demokraten“.
- Konrad Adenauer war als Oberbürgermeister ein pragmatischer Verwalter, aber kein allmächtiger Herrscher der Stadt.
- Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 war eher eine „gefühlte“ als eine existenzielle Krise, hatte aber dennoch gravierende politische Folgen.
Der Mythos der verheerenden Inflation
Eines der bekanntesten Bilder der Weimarer Republik sind Schubkarren voller wertloser Geldscheine. Die Hyperinflation des Jahres 1923, als ein Kilo Brot 233 Milliarden Mark kostete, gilt als nationales Trauma, das das Vertrauen in die Demokratie nachhaltig erschütterte. Der Historiker Christoph Nonn argumentiert jedoch, dass diese Sichtweise die Realität der breiten Bevölkerung verzerrt.
„Diese Sicht der Inflation als fatale Hypothek der Weimarer Demokratie geht auf Quellen zurück, die von der Minderheit der Wohlhabenden geschrieben wurden“, erklärt Nonn. Ihr Vermögen wurde durch die Geldentwertung vernichtet. Für die Mehrheit der Kölner sah die Situation anders aus.
Faktencheck: Inflation 1923
Die meisten Deutschen, auch in Köln, besaßen kaum Geldvermögen. Ihr Einkommen bestand aus Löhnen, die schnell ausgegeben wurden. Sie konnten also nicht viel verlieren. Die Wahlergebnisse nach der Währungsreform Ende 1924 deuten nicht darauf hin, dass die Inflation radikalen Parteien einen langfristigen Schub gab.
Die politischen Folgen der Krise waren laut Nonn bereits Ende 1924 weitgehend überwunden. Die Erzählung von der Inflation als Hauptursache für den späteren Untergang der Republik sei also eine Vereinfachung, die die wahren sozialen Verhältnisse jener Zeit ignoriert.
Adenauers Rolle und die Kölner Demokratie
Konrad Adenauer, von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister von Köln, prägte die Stadt in dieser Epoche maßgeblich. Oft wird er als autoritärer Macher dargestellt, eine Art Vorläufer seiner späteren Kanzlerschaft, die von Kritikern als „Demokratur“ bezeichnet wurde. Doch auch dieses Bild bedarf einer Korrektur.
Nonn beschreibt Adenauer als einen Mann, der zwar alles kontrollieren wollte, dies aber nie vollständig schaffte. „Sein politischer Erfolg hatte wohl eher damit zu tun, dass er dann durchaus auch sehr pragmatisch agieren konnte“, so der Historiker. Der Ausbau der Stadt, etwa die Gründung der Universität oder der Bau des Müngersdorfer Stadions, war das Ergebnis vieler Akteure, nicht allein Adenauers Werk.
Eine Demokratie mit wachsenden Anhängern
Auch das Vorurteil, die Weimarer Republik sei eine „Demokratie ohne Demokraten“ gewesen, wird durch den Blick auf Köln widerlegt. Zwar standen bürgerliche Kreise und Zeitungen wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ der neuen Ordnung anfangs skeptisch gegenüber, da sie Privilegien verloren. Doch die Akzeptanz wuchs.
„Die Weimarer Republik war nie eine Demokratie ohne Demokraten, und die Demokratie wurde zumindest bis 1929 immer beliebter, wie sich auch an dem zunehmend positiveren Echo auf die Verfassungsfeiern ablesen lässt.“ - Christoph Nonn
Selbst Adenauer, der den Feierlichkeiten zum Verfassungstag meist fernblieb und seinen Stellvertreter schickte, handelte wohl eher aus einer Abneigung gegen Rituale als aus Ablehnung der Demokratie. Er sah sich primär als Verwalter der städtischen Geschäfte, nicht als Politiker im ideologischen Sinne.
Köln in den Zwanzigern
Die Stadt wuchs von 635.000 Einwohnern (1914) auf 750.000 (1933). Die Wirtschaft war durch Maschinenbau (Deutzer Motorenfabrik), die Schokoladenfabrik Stollwerck und ab 1930 durch das Ford-Werk geprägt. Köln war eine katholische Industriestadt, in der die Zentrumspartei bis 1933 die stärkste Kraft blieb.
Bessere Zeiten und die „gefühlte“ Krise
Die Jahre zwischen 1924 und 1929 beschreibt Nonn als „Bessere Zeiten“. Ein Modernisierungsschub erfasste die Stadt. Kino, Radio, Autos und eine neue Konsumkultur prägten das urbane Leben. Der Lebensstandard stieg, besonders für die Arbeiter- und untere Mittelschicht.
Dieser Optimismus fand mit der Weltwirtschaftskrise 1929 ein jähes Ende. Die Familie des späteren Schriftstellers Heinrich Böll musste mehrfach umziehen, weil das Geld knapp wurde. Doch auch hier warnt Nonn vor Übertreibungen.
- Einkommen: Die Einkommen sanken spürbar.
- Lebenshaltungskosten: Gleichzeitig sanken aber auch die Preise für Lebensmittel und Mieten.
- Vergleich zum Ersten Weltkrieg: Während des Krieges hatten die Kölner tatsächlich gehungert. Nach 1929 war Hunger eher ein politisches Schlagwort als eine flächendeckende Realität.
Die Krise war, so Nonn, oft weniger schlimm, als sie wahrgenommen wurde. „Die Krise war eine gefühlte, aber auch gefühlte Krisen haben politische Konsequenzen“, stellt er fest. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung bot radikalen Kräften den perfekten Nährboden.
Was die Demokratie stabilisiert
Kölns katholisches und von der Arbeiterschaft geprägtes Milieu wirkte als gewisses Bollwerk gegen den radikalen Nationalismus. Die NSDAP war hier zwar seit 1930 erfolgreich, aber etwas weniger als im deutschen Durchschnitt. Dennoch konnte auch dies den Zerfall der Demokratie nicht aufhalten.
Aus der Geschichte leitet Nonn zwei Lehren für die Gegenwart ab. Erstens brauche es Bürger, die ihre staatsbürgerliche Verantwortung ernst nehmen, sich informieren und die Notwendigkeit von Kompromissen akzeptieren. Zweitens seien Parteien gefordert, die staatspolitische Verantwortung übernehmen, statt dem Volk „nach dem Mund zu reden“.
Die Geschichte Kölns in der Weimarer Republik ist somit mehr als nur eine lokale Chronik. Sie ist eine Fallstudie über die Stärken und Schwächen einer Demokratie in turbulenten Zeiten – und eine Mahnung, genau hinzusehen, bevor man einfachen historischen Narrativen glaubt.




