Vier denkmalgeschützte Eisenbahnbrücken aus dem 19. Jahrhundert in Köln stehen vor einer ungewissen Zukunft. Die Deutsche Bahn plant den Abriss der historischen Bauwerke, die als wichtige Zeugen der Kölner Industrie- und Stadtgeschichte gelten. Dagegen formiert sich Widerstand von Denkmalschützern, die für den Erhalt der einzigartigen Stahlkonstruktionen kämpfen.
Die wichtigsten Punkte
- Vier historische Eisenbahnbrücken in Köln, die unter Denkmalschutz stehen, sollen abgerissen werden.
- Die Deutsche Bahn begründet die Pläne mit dem Ende der technischen Nutzungsdauer der Bauwerke.
- Denkmalschützer und Experten widersprechen und halten eine Sanierung für möglich und notwendig.
- Der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) hat Einspruch beim Eisenbahn-Bundesamt eingelegt.
Ein Stück Kölner Identität unter Druck
Sie sind mehr als nur Infrastruktur. Die vier stählernen Eisenbahnbrücken an der Venloer, Vogelsanger, Zülpicher und Luxemburger Straße sind prägende Elemente des Kölner Stadtbildes. Erbaut um das Jahr 1880, verbinden sie nicht nur Stadtteile wie das Belgische Viertel mit Ehrenfeld, sondern erzählen auch die Geschichte der industriellen Entwicklung der Domstadt.
Täglich passieren tausende Kölnerinnen und Kölner die Unterführungen, die wie moderne Stadttore wirken. Ihre genieteten Stahlbögen und das Spiel von Licht und Schatten schaffen eine unverwechselbare Atmosphäre. Seit 2012 stehen die Bauwerke offiziell als technische Denkmale unter Schutz – ein Status, der sie eigentlich vor dem Abriss bewahren sollte.
Vernachlässigung über Jahrzehnte
Trotz ihres Schutzstatus ist der Zustand der Brücken ein sichtbares Zeichen jahrzehntelanger Vernachlässigung. Anwohner und Passanten nehmen sie oft als dunkel und schmutzig wahr. Dokumentationen an den Brücken selbst belegen dies: Die letzte Entrostung an der Brücke Venloer Straße fand 1963 statt, an der Vogelsanger Straße sogar schon 1959.
Ruß, Schmutz und fehlende Beleuchtung haben den einstigen Glanz der Bauwerke verblassen lassen. Die ursprünglich weißen Kacheln von Villeroy & Boch, die für Helligkeit in den Unterführungen sorgen sollten, sind kaum noch zu erkennen. Kritiker werfen der Deutschen Bahn vor, die im Denkmalschutzgesetz verankerte Erhaltungspflicht systematisch ignoriert zu haben.
Was bedeutet Denkmalschutz?
Das Denkmalschutzgesetz verpflichtet Eigentümer von Baudenkmälern, diese instand zu halten, instand zu setzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen. Ein Abriss ist nur unter strengen Auflagen und nach eingehender Prüfung aller Alternativen möglich.
Streitpunkt: Sanierung oder Neubau?
Die Deutsche Bahn argumentiert, die Brücken hätten das „Ende ihrer technischen Nutzungsdauer“ erreicht und müssten durch moderne Neubauten ersetzt werden. Diese Position stößt auf heftigen Widerspruch von Fachleuten.
Alexander Kierdorf, Architekturhistoriker und Vorsitzender des Regionalverbands Köln des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL), hält die Argumentation der Bahn für unzureichend. Er betont, dass die Bewertung der Brücken hauptsächlich auf theoretischen Berechnungen basiere, nicht aber auf praktischen Materialprüfungen an den Bauwerken selbst.
„Die historischen Auf- und Widerlager sind weiterhin belastbar. Wesentliche Parameter sowie tatsächliche Lastreserven der Konstruktionen spielen in der Argumentation der Deutschen Bahn kaum eine Rolle.“
Aus Sicht der Denkmalpflege sind die Stahlbogenkonstruktionen grundsätzlich langlebig und haben kein festes Verfallsdatum. Mit einer fachgerechten Sanierung und anschließender regelmäßiger Wartung könnten sie ihre Funktion für viele weitere Jahrzehnte erfüllen.
Die Kostenfrage bleibt offen
Ein zentraler Punkt in der Debatte ist die Wirtschaftlichkeit. Die Deutsche Bahn hat bisher keine detaillierten Vergleichsrechnungen vorgelegt, die beweisen, dass eine Sanierung tatsächlich teurer wäre als ein kompletter Neubau. Experten weisen darauf hin, dass der Erhalt historischer Bausubstanz oft nachhaltiger ist und langfristig Kosten sparen kann, wenn man den kulturellen Wert mit einbezieht.
Beispiele für Neubauten der Bahn an anderen Stellen in Köln, etwa an der Kirche St. Ursula, schüren die Sorge, dass anstelle der filigranen Stahlkonstruktionen schmucklose Betonbalken treten könnten, die das Stadtbild negativ verändern würden.
Daten und Fakten zu den Brücken
- Bauzeit: Um 1880
- Standorte: Venloer Straße, Vogelsanger Straße, Zülpicher Straße, Luxemburger Straße
- Denkmalschutz seit: 2012
- Letzte Instandhaltung (Venloer Str.): 1963
- Letzte Instandhaltung (Vogelsanger Str.): 1959
Widerstand formiert sich
Der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) will den geplanten Abriss nicht hinnehmen. Der Verein hat offiziell Einspruch beim Eisenbahn-Bundesamt eingelegt, der zuständigen Genehmigungsbehörde. Damit ist der erste Schritt getan, um die Pläne der Deutschen Bahn juristisch und fachlich überprüfen zu lassen.
Der Fall der Kölner Eisenbahnbrücken steht beispielhaft für einen bundesweiten Konflikt zwischen dem Erhalt von Industriekultur und den Modernisierungsplänen großer Infrastrukturunternehmen. Für viele Kölner geht es dabei um mehr als nur um alte Stahlträger. Es geht um die Bewahrung des historischen Gesichts ihrer Stadt, das durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs bereits schwere Verluste erlitten hat.
Die öffentliche Debatte über die Zukunft dieser vier Bauwerke hat gerade erst begonnen. Der Ausgang wird zeigen, welchen Stellenwert die Stadt Köln und ihre Bürger dem architektonischen Erbe beimessen und ob es gelingt, ein Stück unverwechselbarer Kölner Geschichte für zukünftige Generationen zu retten.




