Das Krankenhaus Merheim in Köln hat einen neuen Ansatz für Patienten mit Knie- und Hüftgelenksprothesen eingeführt. Durch das Programm „Aktiv-Plan“ können Patienten die Klinik bereits nach durchschnittlich 4,3 Tagen verlassen, was deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt liegt. Dieser innovative Ansatz zielt darauf ab, die schnelle Genesung und Selbstständigkeit der Patienten zu fördern.
Wichtige Erkenntnisse
- Patienten mit Knie- oder Hüftgelenksprothese werden in Merheim durchschnittlich nach 4,3 Tagen entlassen.
- Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 7,0 bis 7,4 Tagen.
- Ein umfassender „Aktiv-Plan“ bereitet Patienten vor und begleitet sie nach der Operation.
- Der Plan umfasst präoperative Schulungen und eine angepasste postoperative Versorgung.
- Trotz kürzerer Verweildauer wurden keine erhöhten Komplikationsraten festgestellt.
Revolution in der Orthopädie: Der „Aktiv-Plan“
Das Endoprothetikzentrum Köln-Merheim hat vor rund einem Jahr den „Aktiv-Plan“ implementiert. Dieser Plan, entwickelt von einem Team aus Orthopäden, Anästhesisten, Pflegekräften, Physiotherapeuten und dem Sozialdienst, ist auf eine schnelle Mobilisierung der Patienten ausgerichtet. Das Hauptziel ist es, die Patienten bereits am vierten Tag nach der Operation, also nach drei Tagen Krankenhausaufenthalt, wieder in ihr häusliches Umfeld zu entlassen.
Werner Wolf, ein 77-jähriger Patient, der ein neues Kniegelenk erhielt, konnte bereits zwölf Tage nach seiner Operation eine Stunde lang mit Gehstützen spazieren gehen. Er äußerte sich begeistert:
„Ich kann laufen, das ist wirklich Wahnsinn.“Vor der Operation litt er unter starken Schmerzen aufgrund von Arthrose und konnte kaum noch wandern.
Faktencheck
- Im Jahr 2025 erhielten 671 Patienten im Endoprothetikzentrum Merheim eine Knie- oder Hüftgelenksprothese.
- Die durchschnittliche Verweildauer betrug 4,3 Tage.
- Der deutsche Durchschnitt liegt bei 7,4 Tagen für Knie- und 7,0 Tagen für Hüftoperationen.
- In Ländern wie den USA, Norwegen oder Schweden werden Patienten teilweise schon nach ein bis zwei Tagen entlassen.
Schnelle Genesung durch umfassende Vorbereitung
Die schnelle Entlassung ist kein Zufall. Sie basiert auf einem detaillierten Plan, der bereits vor der Operation beginnt. Patienten erhalten eine umfassende Schulung, in der sie über den Ablauf informiert werden und das Gehen mit Gehstützen üben. „Man verhuddelt sich da schnell, vor allem, wenn man eine Treppe hoch oder runtergeht“, berichtet Werner Wolf von seinen Erfahrungen.
Kurz vor dem Eingriff bekommen die Patienten zwei hochkalorische Getränke, um sicherzustellen, dass ihr Körper genügend Energie für die schnelle Mobilisierung danach hat. Schon am Operationstag sollen sie aus dem Bett aufstehen können. Im Aufwachraum erhalten sie ein Eis, um den unangenehmen Geschmack der Beatmung zu lindern.
Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist der Verzicht auf Blasenkatheter und Drainagen, die beim ersten Aufstehen stören könnten. Jeder Patient erhält außerdem ein Tagebuch, um Übungen und Aufgaben am OP-Tag und den folgenden drei Tagen genau zu dokumentieren. Markus Hahn, ein 59-jähriger Patient mit neuem Hüftgelenk, lobte das System:
„Da steht genau drin, was man tun darf und kann, das hat mir sehr geholfen.“
Vorteile für Patienten und Krankenhaus
Die verkürzte Verweildauer hat mehrere positive Effekte. Für die Patienten bedeutet sie eine schnellere Rückkehr in ihr gewohntes Umfeld und eine frühere Wiedererlangung der Selbstständigkeit. Holger Bäthis, Leiter des Endoprothetikzentrums, betont, dass alle Patienten ab dem ersten Tag „autonom“ waren, also eigenständig aufstehen, die Toilette besuchen und Mahlzeiten am Tisch einnehmen konnten.
Das Krankenhaus profitiert ebenfalls, insbesondere durch die Entlastung des Pflegepersonals. Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen ist dies ein entscheidender Vorteil. Bäthis merkt jedoch an, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht automatisch einen Gewinn bedeuten, da die Kosten für die Pflege nach Behandlungstagen vergütet werden.
Hintergrund der Kostenstruktur
Die Kosten für einen Gelenkersatz variieren je nach Verweildauer. Ein neues Knie kostet bei vier Tagen Krankenhausaufenthalt etwa 7700 Euro, eine neue Hüfte rund 6800 Euro. Bei sieben Tagen Aufenthalt steigen die Kosten auf etwa 8200 Euro für ein Knie und knapp 7400 Euro für eine Hüfte.
Holger Bäthis hebt hervor: „Die Vergütung dieser Operationen ist im internationalen Vergleich in Deutschland sehr günstig und hat sich in den letzten 20 Jahren trotz Lohnentwicklung und allgemeiner Preissteigerung sogar noch reduziert.“
Qualität und Patientenzufriedenheit
Trotz der kürzeren Aufenthalte wurden in Merheim bisher keine vermehrten ungeplanten Wiederaufnahmen aufgrund von Komplikationen festgestellt. Dies spricht für die Qualität des „Aktiv-Plans“ und die sorgfältige Patientenauswahl. Bäthis glaubt nicht, dass in Deutschland insgesamt zu viele oder zu früh Gelenkersatzoperationen durchgeführt werden.
Er betont, dass sich das Zentrum an die Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie hält, um eine Überversorgung zu vermeiden. Der Leidensdruck der Patienten muss hoch sein, da eine Prothese, so gut sie auch ist, niemals das gesunde Gelenk eines jungen Menschen ersetzen kann.
„So eine Prothese ist ein Ersatzteil, das ist nicht genauso gut wie das gesunde Knie mit 20 Jahren“, so Bäthis.
Die Erfahrungen der Patienten wie Werner Wolf und Markus Hahn zeigen, dass der „Aktiv-Plan“ erfolgreich ist und eine hohe Zufriedenheit mit der schnellen Genesung und der wiedergewonnenen Bewegungsfreiheit einhergeht.




