Kölner Suchtberatungsstellen schlagen Alarm: Die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wegen Kokainkonsums Hilfe suchen, hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt. Experten sehen die Gründe in der hohen Verfügbarkeit, sinkenden Preisen und einem verharmlosten Image der Droge, die längst nicht mehr nur als Statussymbol der Oberschicht gilt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Hauptdiagnose Kokain bei jungen Klienten der Jugend-Suchtberatung des SKM hat sich von 2021 bis 2025 verdoppelt.
- Gründe sind sinkende Straßenpreise (eine „Line“ für 5-8 Euro), leichte Verfügbarkeit über soziale Medien und ein „cooles“ Image.
- Experten warnen vor gravierenden körperlichen und psychischen Folgen, die die Entwicklung junger Menschen nachhaltig stören.
- Prävention muss auf Lebenskompetenzen wie Stressbewältigung setzen, statt nur moralisch zu appellieren.
Eine beunruhigende Entwicklung in Kölner Beratungsstellen
In den Beratungsräumen der Jugend-Suchtberatung des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) in Köln zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab. Silvia Hüls-Knobloch und Stefan Becker, die seit Jahrzehnten junge Menschen mit Suchtproblemen begleiten, beobachten eine deutliche Zunahme des Kokainkonsums. „Wir sehen seit einigen Jahren, dass Kokain eine immer größere Rolle unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt“, erklärt Hüls-Knobloch.
Die Zahlen untermauern diese Beobachtung eindrücklich. „In den vergangenen vier Jahren hat sich die Hauptdiagnose Kokain bei uns verdoppelt“, so die Expertin. Im Jahr 2025 lag der Anteil bei fünf Prozent der Fälle, ein signifikanter Anstieg im Vergleich zu 2021. Auch wenn die absoluten Zahlen noch überschaubar wirken, ist der Anstieg für die Berater alarmierend.
Zahlen, die aufhorchen lassen
Laut dem Zentrum für Suchtforschung (ZIS) hat sich die Zahl der kokainkonsumierenden Erwachsenen in Deutschland in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Eine Studie der Krankenkasse BARMER zeigt zudem, dass die Zahl der ärztlichen Behandlungen wegen Kokainmissbrauchs sich verdreifacht hat.
Stefan Becker fügt hinzu, dass diese Entwicklung neu sei. „Dass eine harte Droge wie Kokain nun immer beliebter wird, ist fatal.“ Er berichtet, dass aktuell vier Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren wegen einer Kokainabhängigkeit in ihrer Einrichtung betreut werden. „Das gab es in den vergangenen zehn Jahren so nicht“, betont er.
Warum Kokain für Jugendliche attraktiver wird
Die Gründe für den Anstieg sind vielschichtig. Einer der Hauptfaktoren ist die massive Verfügbarkeit der Droge in Europa, die oft als „Kokainschwemme“ bezeichnet wird. Rekordfunde durch Polizei und Zoll, wie die 40 Tonnen Kokain, die 2024 bei der „Operation Plexus“ sichergestellt wurden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Ein großer Teil der Droge erreicht den Straßenverkauf, was die Preise drückt.
Preis und Image als Einstiegsfaktoren
Entgegen der landläufigen Meinung ist der Einstieg in den Kokainkonsum nicht mehr unerschwinglich. „Eine Line kostet zwischen fünf und acht Euro. Das ist ein Einstiegspreis, den sich viele Jugendliche leisten können“, erklärt Silvia Hüls-Knobloch. Die Beschaffung ist ebenfalls einfacher geworden. Neben dem klassischen Dealer im Veedel spielen soziale Medien wie Instagram oder Telegram eine immer größere Rolle.
Gleichzeitig haftet Kokain ein anderes Image an als anderen harten Drogen. Becker erläutert: „Anders als Heroin oder Crack gilt Kokain als Droge mit hohem Status. Für Jugendliche, die cool wirken wollen, ist das anziehend.“ Dieses trügerische Bild verharmlost die enormen Gefahren, die mit dem Konsum verbunden sind.
„Für Konsumierende war es noch nie schwierig, an Kokain heranzukommen. Man kennt jemanden im Veedel – oder bestellt mittlerweile per Instagram oder Telegram.“
Die verheerenden Folgen für junge Menschen
Die Auswirkungen von regelmäßigem Kokainkonsum sind gerade für junge Menschen, deren Körper und Gehirn sich noch in der Entwicklung befinden, besonders schwerwiegend. „Körperlich saugt es einen total aus, Gewichtsverlust ist da nur das geringere Problem“, warnt Hüls-Knobloch.
Viel gravierender sind die psychischen Veränderungen. Die Droge beeinflusst die Wahrnehmung, die Empathiefähigkeit und die grundlegende Motivation. Jugendliche verlieren das Interesse an Schule, Hobbys und Freundschaften. Die Persönlichkeit kann sich nachhaltig verändern.
Wenn die Fassade bröckelt
Oft wird das Suchtproblem erst dann für das Umfeld sichtbar, wenn sogenannte Kollateralschäden auftreten. Dazu gehören der Verlust des Führerscheins, wachsende Schulden, Schulabbrüche oder der Verlust des Ausbildungsplatzes. Je früher der Einstieg in den Konsum erfolgt, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen auf die gesamte Biografie, da die wichtige Entwicklungsphase zwischen 15 und 25 Jahren massiv beeinträchtigt wird.
Prävention: Mehr als nur der erhobene Zeigefinger
Wie kann man Jugendliche wirksam schützen? Die Experten der SKM sind sich einig, dass moralische Appelle und reine Abschreckung nicht funktionieren. „Wir wollen nicht einfach sagen, dass Konsum schlecht ist“, sagt Stefan Becker. Der Schlüssel liege darin, die Ursachen zu verstehen. „Wir müssen verstehen, warum jemand konsumiert – und welche Funktion die Droge für diese Person hat.“
Erst wenn die Gründe wie Stress, Leistungsdruck oder der Wunsch nach Zugehörigkeit verstanden werden, können alternative Lösungsstrategien entwickelt werden. Wirksame Prävention ist daher ein kontinuierlicher Prozess, der fest in den Schulalltag integriert werden muss.
Lebenskompetenzen als bester Schutz
Moderne Präventionsarbeit zielt darauf ab, die Lebenskompetenzen junger Menschen zu stärken. Dazu gehören:
- Stressbewältigung: Lernen, mit schulischem und sozialem Druck umzugehen.
- Konfliktfähigkeit: Auseinandersetzungen konstruktiv lösen.
- Umgang mit Selbstzweifeln: Ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.
„Wenn junge Menschen lernen, mit Druck umzugehen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie riskant konsumieren“, fasst Hüls-Knobloch zusammen. Auch das soziale Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Eltern und Lehrkräfte müssen ermutigt werden, das Thema offen anzusprechen, auch wenn sie unsicher sind. „Schweigen ist riskanter als ein unperfekter Einstieg ins Gespräch“, so Becker.
Interessanterweise kann auch die Popkultur einen Beitrag leisten. Die Netflix-Dokumentation über den Rapper Haftbefehl, die dessen jahrelangen exzessiven Kokainkonsum und die dramatischen Folgen zeigt, kann als Gesprächsanlass dienen. „Solche Einblicke können wirken – aber sie müssen vorbereitet und aufgefangen werden“, mahnt Becker. Es dürfe nicht bei reiner Unterhaltung bleiben.
Letztendlich ist ein offener Dialog im Freundeskreis ohne Verherrlichung oder Tabuisierung einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Wenn Jugendliche lernen, differenziert über Drogen zu sprechen, sind sie besser gegen die Risiken gewappnet.




