Eine umfassende Langzeitstudie in Köln hat alarmierende Ergebnisse zur Müllbelastung im Rhein geliefert. Forscher der Universitäten Bonn und Tübingen stellten fest, dass jährlich Tausende Tonnen Abfall den Fluss hinabtreiben – eine Menge, die bisherige Schätzungen bei Weitem übertrifft und die entscheidende Rolle von Flüssen bei der Verschmutzung der Meere unterstreicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Studie in Köln zeigt, dass jährlich zwischen 3.000 und 4.700 Tonnen Müll durch den Rhein treiben.
- Dies entspricht etwa 53.000 einzelnen Müllteilen pro Tag, die an der Stadt vorbeifließen.
- Rund 70 % der gefundenen Gegenstände bestehen aus Kunststoff, machen aber nur 15 % des Gesamtgewichts aus.
- Freiwillige Helfer, sogenannte „Citizen Scientists“, waren für die Durchführung des Projekts unerlässlich.
Ein unerwartetes Ausmaß der Verschmutzung
Die Ergebnisse der Untersuchung, die im Fachmagazin „Communications Sustainability“ veröffentlicht wurden, zeichnen ein düsteres Bild. Basierend auf Daten, die zwischen November 2022 und November 2023 gesammelt wurden, schätzen die Wissenschaftler, dass jedes Jahr zwischen 3.000 und 4.700 Tonnen Makromüll – also Teile, die mindestens einen Zentimeter groß sind – an Köln vorbeifließen. Bisherige Annahmen lagen deutlich darunter.
„Überraschend fand ich einerseits das reine Volumen, dass es wirklich so viel Müll ist, und dann aber andererseits auch, dass die Müllmenge übers Jahr hinweg stark schwankt“, erklärte Studienleiterin Leandra Hamann von der Universität Bonn. Die Studie liefert damit eine der detailliertesten Langzeitanalysen zur Müllfracht eines großen europäischen Flusses.
Zahlen zur Rhein-Verschmutzung
- 53.000 Müllteile treiben täglich an Köln vorbei.
- 17.523 Abfallstücke wurden in einem Jahr mit der Müllfalle gesammelt.
- 1.955 Kilogramm betrug die Gesamtmasse der gesammelten Teile.
- Mehr als 50 % des Mülls stammt direkt von privaten Verbrauchern.
Die „RheinKrake“ und die Kraft der Bürgerwissenschaft
Möglich wurde diese detaillierte Erfassung durch ein spezielles Gerät, das im Kölner Rhein installiert ist: die Müllfalle „RheinKrake“. Sie fängt auf einer Breite von drei Metern und in einer Tiefe von 80 Zentimetern treibenden Abfall auf, bevor er weiter ins Meer gelangen kann.
Doch die Technologie allein hätte nicht ausgereicht. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Projekts war die Beteiligung zahlreicher freiwilliger Helfer. Diese „Citizen Scientists“ opferten ihre Freizeit, um den gesammelten Müll zu bergen, zu sortieren und wissenschaftlich zu erfassen.
Die unschätzbare Arbeit der Freiwilligen
Alle zwei Wochen, bei jedem Wetter, trafen sich die Freiwilligen am Rheinufer. Ihre Aufgabe war mühsam: Sie holten den Inhalt der Müllfalle aus dem Wasser, trennten den Abfall, wogen jedes einzelne Stück, vermaßen es und fotografierten es für die Datenbank.
„Die eigentliche harte Arbeit machen die Freiwilligen. Das sind Personen, die das in ihrer Freizeit machen. Diese Handarbeit könnte sonst niemand finanzieren.“
- Leandra Hamann, Studienleiterin Universität Bonn
Die Gruppe der Helfer ist bunt gemischt – von Familien mit Kindern bis hin zu Rentnern sind alle Altersgruppen vertreten. Ihr Engagement ermöglichte eine Datenerhebung von einer Genauigkeit, die in reinen Forschungsprojekten oft nicht finanzierbar wäre.
Was genau schwimmt im Rhein?
Die Analyse der fast 18.000 gesammelten Teile offenbarte, woraus der Müll im Rhein hauptsächlich besteht. Während Kunststoffe mit rund 70 Prozent den größten Anteil an der Stückzahl ausmachten, trugen sie nur etwa 15 Prozent zum Gesamtgewicht bei. Der Großteil des Mülls lässt sich direkt auf das Verhalten von Verbrauchern zurückführen.
Etwa 28 Prozent der Abfälle standen im Zusammenhang mit Lebensmitteln und Getränken. Darunter fanden sich unzählige Weinflaschen, Sektflaschen und Flaschendeckel. Besonders auffällig war, dass auch viele Pfandflaschen im Fluss landeten. „Da ist also noch Luft nach oben“, kommentierte Hamann. „Man könnte das Pfand erhöhen, sodass die Motivation höher ist, die leer getrunkene Flasche eben nicht am Ufer liegenzulassen.“
Ein Spiegel der Gesellschaft
Die Funde im Rhein sind vielfältig und geben Einblicke in menschliche Aktivitäten. Neben Alltagsmüll wie Verpackungen wurden auch Kinderspielzeug, Sexspielzeug und sogar ein Portemonnaie mit mehreren Personalausweisen gefunden, das dem Fundbüro übergeben wurde.
Silvester als Extremereignis
Ein besonders schockierendes Ergebnis war der hohe Anteil an Feuerwerkskörpern. Rund 10 Prozent aller im Jahresverlauf gesammelten Gegenstände waren Überreste von Raketen und Böllern. „Wenn man sich klarmacht, dass das nur an einem einzigen Tag abgefeuert wird, dann ist das schon der Wahnsinn“, so Hamann.
Diese hohe Konzentration zeigt, wie stark einzelne Ereignisse die Müllbelastung im Fluss kurzfristig in die Höhe treiben können und welche langanhaltenden Spuren sie in der Umwelt hinterlassen.
Ausblick und weitere Forschung
Das Projekt ist mit dieser Studie noch lange nicht beendet. Die „RheinKrake“ fischt weiterhin Müll aus dem Kölner Rhein, und die Wissenschaftler werten die Daten kontinuierlich aus. Ein zukünftiger Forschungsschwerpunkt wird die Wirksamkeit neuer EU-Vorschriften sein.
„Es kam ja etwa vor zwei Jahren die EU-Vorgabe mit den befestigten Flaschendeckeln. Da wäre es interessant zu schauen, ob und wie stark sich das auswirkt“, erklärt Hamann. Die fortlaufende Datensammlung wird es ermöglichen, den Effekt solcher politischen Maßnahmen direkt zu überprüfen.
Der Verein K.R.A.K.E. (Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit) freut sich weiterhin über Unterstützung. Freiwillige, die bei der Reinigung des Rheins und der wissenschaftlichen Arbeit helfen möchten, sind jederzeit willkommen.




