Vor fast 100 Jahren erlebte das Rheinland eine gigantische Feier, die heute kaum noch jemand kennt. Im Jahr 1925 feierte die Region ihre 1000-jährige Zugehörigkeit zum deutschen Reich. Doch hinter den Paraden und Festreden steckte eine klare politische Botschaft in einer Zeit großer Unsicherheit.
Eine neue Ausstellung des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Köln wirft nun ein Licht auf dieses faszinierende Kapitel der Weimarer Republik und zeigt eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Nationalstolz und modernem Aufbruch.
Die wichtigsten Fakten
- 1925 fanden im gesamten Rheinland „Jahrtausendfeiern“ zur 1000-jährigen Zugehörigkeit zum ostfränkisch-deutschen Reich statt.
- Die Feiern waren eine politische Reaktion auf die alliierte Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg und sollten die deutsche Identität stärken.
- Köln war das Zentrum der Feierlichkeiten und zog 1,4 Millionen Besucher an.
- Die Zeit war geprägt von einem starken Kontrast zwischen traditionellem Patriotismus und rasantem modernem Wandel in Kultur und Technik.
Ein Fest mit politischer Botschaft
Die 1920er Jahre waren für Deutschland eine turbulente Zeit. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war das Rheinland von alliierten Truppen besetzt. Die Briten kontrollierten Köln, die Franzosen das Ruhrgebiet und die Belgier den Niederrhein. In dieser angespannten Lage sollte die Jahrtausendfeier ein starkes Signal senden.
Offiziell wurde die 1000-jährige Zugehörigkeit der rheinischen Gebiete zum ostfränkischen Reich gefeiert, dem Vorläufer des späteren Deutschlands. Ob die historischen Fakten aus dem Jahr 925 diese Deutung exakt stützten, war zweitrangig. Es ging um die Gegenwart: Man wollte zeigen, dass das Rheinland trotz Besatzung unmissverständlich deutsch war.
Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer fand bei der Eröffnung der Hauptfeier auf dem neuen Messegelände deutliche Worte. Er sprach von einem „mächtigen Strom heiliger Vaterlandsliebe“, der durch das Rheinland fließe. Solche patriotischen Töne sollten den nationalen Zusammenhalt stärken. Überall in der Region wurde trotz Verboten demonstrativ das Lied von der „Wacht am Rhein“ gesungen.
Der kritische Publizist Kurt Tucholsky sah die Feierlichkeiten hingegen mit Spott. Er vermutete dahinter vor allem wirtschaftliche Interessen und schrieb zynisch: „weil wir nämlich eure Kohlen brauchen, weil wir wollen, dass die Schlote rauchen für das Wohl des Heldenvaterlandes; darum Jubiläen und Gelage“.
Köln als Zentrum der Feierlichkeiten
Obwohl die Idee zu den Feierlichkeiten in Düsseldorf entstanden war, wurde Köln zum unbestrittenen Mittelpunkt des Geschehens. Die Stadt verfügte über eine moderne Infrastruktur, die für ein solches Großereignis ideal war.
Mit dem erst kurz zuvor eröffneten Messegelände in Deutz und dem Müngersdorfer Stadion, damals das größte Stadion Deutschlands, hatte Köln die perfekten Veranstaltungsorte. Adenauer verfolgte damit auch eigene Ziele: Er wollte die Stadt als Austragungsort für die Olympischen Spiele 1936 positionieren.
Besuchermagnet Köln
Die Anziehungskraft der Kölner Jahrtausendfeier war enorm. Insgesamt strömten 1,4 Millionen Menschen in die Stadt, um an den Ausstellungen, Umzügen und Veranstaltungen teilzunehmen. Dies unterstreicht die große Resonanz, die das nationale Thema in der Bevölkerung fand.
Doch nicht nur in Köln wurde gefeiert. Auch Städte wie Krefeld, Duisburg, Neuss und Essen organisierten eigene Feste. In Krefeld fuhr bei einem Festumzug ein Wagen mit, der die Bürger dazu aufrief, ausschließlich deutsches Gemüse zu kaufen – ein Zeichen des damaligen wirtschaftlichen Nationalismus.
Zwischen Gemütlichkeit und Moderne
Die Ausstellung des LVR trägt den Titel „Gemütlichkeit und Moderne“ und fängt damit den Geist der Zeit perfekt ein. Einerseits gab es die rückwärtsgewandte Betonung von Heimat und Nation. Andererseits erlebte die Weimarer Republik eine Phase des rasanten gesellschaftlichen und technischen Fortschritts.
Symbole des Aufbruchs
In Köln entstanden in dieser Zeit Bauten, die für die neue Zeit standen:
- Das Hansahochhaus wurde in nur 15 Monaten errichtet und war mit 65 Metern das höchste Gebäude auf dem europäischen Festland.
- Im Kaufhaus Tietz wurde die erste Rolltreppe Deutschlands in Betrieb genommen, die Kunden bequem nach oben beförderte.
- Das Restaurant auf der Bastei am Rheinufer sorgte mit seiner modernen Bauhaus-Architektur für Aufsehen.
Auch die Kultur war im Umbruch. Kinos, damals „Lichtspielhäuser“ genannt, boten neue Formen der Unterhaltung. Gleichzeitig sorgte die Avantgarde für Skandale. Das Kriegsgemälde von Otto Dix, das die Schrecken der Schlacht ungeschönt zeigte, wurde im Museum hinter einem Vorhang verborgen. Ein Bild von Max Ernst, das die Gottesmutter zeigt, wie sie das Jesuskind züchtigt, war für das katholische Köln zu viel des Guten.
Gesellschaft im Wandel
Die 1920er Jahre waren auch eine Zeit der Liberalisierung. Im Kölner Karneval tauchten erstmals Männer in Frauenkleidern auf und umgekehrt. Es gab erste öffentliche Kämpfe gegen den Abtreibungsparagrafen und neue Kunstformen wie Body-Painting sorgten für Diskussionen. Diese Entwicklungen standen in starkem Kontrast zu den nationalistischen Tönen der Jahrtausendfeier.
Ein vergessenes Jubiläum mit aktueller Relevanz
Die Jahrtausendfeiern von 1925 zeigen, wie eine Gesellschaft in Krisenzeiten versucht, ihre Identität zu finden. Sie waren ein Versuch, nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und unter dem Druck der Besatzung ein neues nationales Selbstbewusstsein zu schaffen.
Gleichzeitig offenbaren die Ereignisse die Widersprüche der Weimarer Republik: eine junge, lebendige Demokratie, die einerseits modern und zukunftsgewandt war, andererseits aber auch anfällig für jene nationalistischen Kräfte, die nur acht Jahre später zur Zerstörung der Republik führen sollten.
Die Ausstellung im LVR-Landeshaus erinnert an dieses komplexe und fast vergessene Kapitel der Kölner und rheinischen Geschichte. Sie zeigt, dass die Fragen nach nationaler Identität, gesellschaftlichem Wandel und dem Umgang mit Krisen auch heute noch von Bedeutung sind.




