Die Kölner Feuerwehr verfügt über ein spezialisiertes Team für Psychosoziale Unterstützung (PSU), das Einsatzkräften nach traumatischen Erlebnissen hilft. Robert Hölterhof, der Koordinator des Teams, erklärt, wie Helfer mit den psychischen Folgen ihres Berufs umgehen und welche Mechanismen sie schützen. Oft sind es nicht die großen Katastrophen, sondern kleine Details, die eine schwere Belastung auslösen.
Von schweren Unfällen bis zu erfolglosen Wiederbelebungen – die Arbeit bei Feuerwehr und Rettungsdienst ist psychisch fordernd. Das 22-köpfige PSU-Team bietet professionelle Hilfe für Berufsfeuerwehrleute, freiwillige Kräfte und deren Angehörige, um Langzeitfolgen wie posttraumatische Belastungsstörungen zu verhindern.
Wichtige Erkenntnisse
- Ein 22-köpfiges PSU-Team betreut die Einsatzkräfte der Kölner Feuerwehr und des Rettungsdienstes.
- Nicht nur dramatische Einsätze, sondern auch persönlich anknüpfende Details können schwere psychische Reaktionen auslösen.
- Das Team setzt auf frühzeitige Einsatznachsorge und präventive Schulungen zur Stärkung der Resilienz.
- Die meisten Einsatzkräfte können trotz der Belastungen eine lange Karriere absolvieren, nur wenige müssen den Dienst aufgeben.
Was Einsatzkräfte am stärksten belastet
Die psychische Belastung für Rettungskräfte entsteht in sehr unterschiedlichen Situationen. Laut Robert Hölterhof, dem Koordinator des PSU-Teams, sind es oft Einsätze, bei denen die Helfer an ihre Grenzen stoßen. „In den letzten sechs Wochen waren wir siebenmal nach erfolglos verlaufenen Reanimationen im Einsatz“, berichtet er. Besonders tragisch sei es, wenn Kinder betroffen sind, was die Kollegen oft noch heftiger treffe.
Auch Einsätze mit massiven Eindrücken, wie eine Person unter einer Straßenbahn oder ein tödlicher Unfall auf der Autobahn, hinterlassen tiefe Spuren. Hölterhof erinnert an einen Vorfall auf der A59, bei dem eine Person in einem brennenden Auto eingeschlossen war. „Die Kollegen kommen an die Einsatzstelle, wollen helfen, können es aber nicht mehr. Das ist schwer zu verkraften.“
Wenn kleine Details zu großen Triggern werden
Überraschenderweise sind es nicht immer die großen, dramatischen Ereignisse, die die stärksten Reaktionen hervorrufen. Manchmal reicht ein kleines, persönliches Detail, um eine emotionale Lawine auszulösen.
„Ein kleiner Verkehrsunfall, keine große Sache, eigentlich alles gut. Aber dann guckt man ins Auto und sieht den gleichen Kindersitz, den man auch in seinem eigenen Auto hat“, erklärt Hölterhof. „Das triggert, und plötzlich wird so ein Ereignis persönlich.“ Diese Momente machen deutlich, wie schnell die professionelle Distanz durchbrochen werden kann.
Das PSU-Team der Feuerwehr Köln
Das Team für Psychosoziale Unterstützung (PSU) besteht aus speziell geschulten Kollegen, die als „Peers“ agieren. Sie bieten nach belastenden Einsätzen niedrigschwellige Gesprächsangebote an. Ziel ist es, Stressreaktionen frühzeitig zu erkennen, zu normalisieren und die Verarbeitung zu unterstützen. Das Angebot richtet sich an alle haupt- und ehrenamtlichen Kräfte sowie deren Familien.
Normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse
Die Reaktionen auf traumatischen Stress sind vielfältig und individuell. Einige Einsatzkräfte zittern oder wirken unruhig, andere ziehen sich komplett zurück und werden ungewöhnlich still. „Stressreaktionen laufen bei allen Menschen erst einmal gleich ab“, sagt Hölterhof. Entscheidend sei, wie gut man darauf vorbereitet ist, diese Signale bei sich und anderen zu erkennen.
Das PSU-Team spielt hier eine entscheidende Rolle. Sie vermitteln den Betroffenen, dass ihre Gefühle und körperlichen Reaktionen angemessen sind.
„Es ist unsere Aufgabe, sie daran zu erinnern, dass das ganz normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse sind – und ein wichtiger Schritt in der Verarbeitung.“
Diese Normalisierung hilft den Einsatzkräften, ihre Erlebnisse einzuordnen und verhindert, dass sie sich für ihre Reaktionen schämen oder sich als schwach empfinden.
Der Weg der Verarbeitung und professionelle Hilfe
Der Verarbeitungsprozess nach einem traumatischen Ereignis folgt oft einem bestimmten Muster. Die ersten 72 Stunden werden als Schockphase bezeichnet. Daran schließt sich eine bis zu achtwöchige Verarbeitungsphase an. In dieser Zeit sind wiederkehrende Bilder im Kopf oder Schlafstörungen nicht ungewöhnlich.
Das PSU-Team greift früh ein:
- Erste Einsatznachsorge: Ein erstes Gespräch wird kurz nach dem Einsatz angeboten, um die ersten Eindrücke zu verarbeiten.
- Folgegespräch: Einige Tage später findet ein zweites Gespräch statt, um die weitere Entwicklung zu beobachten.
- Therapeutische Begleitung: Wenn die Symptome anhalten, vermittelt das Team professionelle Hilfe und begleitet die Betroffenen bei Bedarf, bis eine Psychotherapie beginnen kann.
Statistiken zur Belastung
Bei mehreren Tausend Einsatzkräften in Köln gibt es pro Jahr etwa ein bis zwei Fälle, in denen jemand aufgrund der psychischen Belastung den Beruf aufgeben muss. Einige weitere benötigen eine traumatherapeutische Behandlung, bevor sie wieder in den Dienst zurückkehren können.
Prävention und die Motivation zu helfen
Die große Mehrheit der Feuerwehr- und Rettungsdienstkräfte beendet ihre Karriere nach 30 Dienstjahren ohne schwere psychische Schäden. Ein Grund dafür ist laut Hölterhof die starke Kameradschaft und ein stabiles soziales Umfeld. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die präventive Arbeit des PSU-Teams.
Durch Resilienztraining und Sensibilisierungsschulungen werden die Einsatzkräfte schon in der Ausbildung auf mögliche Belastungen vorbereitet. Sie lernen, auf sich und ihre Kollegen zu achten und frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Trotz aller Herausforderungen bleibt die Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, ungebrochen hoch. „Man will da sein, wenn Menschen Hilfe brauchen“, fasst Hölterhof zusammen. „Dafür stehen die Kolleginnen und Kollegen jeden Morgen auf.“ Diese tief empfundene Sinnhaftigkeit sei es, die den Beruf trotz aller Risiken so erfüllend mache.




