Beim Auftakt des Literaturfestivals Lit.Cologne in der Kölner Flora gab der ehemalige Vizekanzler Robert Habeck seltene Einblicke in sein Leben nach dem Ausstieg aus der Politik. Im Gespräch mit dem britischen Star-Autor Julian Barnes sprach er über seine neue Heimat Dänemark, die finanziellen Nöte zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere und die Gründe, die ihn letztlich zum Rückzug bewogen.
Die Veranstaltung bot eine offene Diskussion über den Druck des öffentlichen Lebens und die Schwierigkeiten, als Politiker authentisch zu bleiben. Habeck erklärte, warum ein Umzug ins Ausland für ihn notwendig wurde, um dem ständigen öffentlichen Druck zu entgehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Robert Habeck hat Deutschland verlassen und lebt nun aus privaten Gründen in Kopenhagen, Dänemark.
- Er möchte dem öffentlichen Druck entgehen, etwa Selfies beim Bäcker machen oder politische Entscheidungen erklären zu müssen.
- Vor seiner politischen Karriere lebte seine Familie vom Erziehungsgeld, während er und seine Frau ihr erstes Buch schrieben.
- Habeck sprach über den Verlust von Energie und Freude, der ihn zum Ausstieg aus der Spitzenpolitik bewog.
Ein neues Leben in Dänemark
Für viele überraschend verriet Robert Habeck, dass er Deutschland den Rücken gekehrt hat und nun in Kopenhagen lebt. Der Umzug sei aus „privaten Gründen“ erfolgt, erklärte der Grünen-Politiker. Er suchte nach einem Leben mit mehr Normalität, fernab der ständigen Beobachtung durch die Öffentlichkeit.
„Der Grund ist, dass ich jetzt beim Bäcker keine Selfies machen oder Heizungsgesetze erklären muss“, sagte Habeck unter dem Gelächter des Publikums in der Kölner Flora.
Dieser Schritt ermögliche ihm eine neue Perspektive. Die Distanz zum eigenen Land helfe, viele Debatten zu relativieren. „Wenn man von außen auf Deutschland guckt, dann relativiert sich vieles“, so Habeck. Man erkenne, dass viele hitzig geführte Diskussionen, die in Deutschland als exklusiv wahrgenommen werden, in ähnlicher Form auch in anderen Ländern stattfinden.
Lit.Cologne: Ein Forum für Literatur und Diskurs
Die Lit.Cologne ist eines der größten internationalen Literaturfestivals in Europa. Jedes Jahr zieht sie renommierte Autoren, Denker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nach Köln. Die Veranstaltung mit Robert Habeck und Julian Barnes bildete den Auftakt des diesjährigen Festivals und fand in der historischen Flora statt.
Die Anfänge als Schriftsteller
Lange vor seiner Zeit als Bundesminister versuchte sich Habeck als freier Autor. Gemeinsam mit dem britischen Schriftsteller Julian Barnes, der einst als Journalist begann, sprach er über die Herausforderungen des kreativen Schaffens. Für Habeck war der Weg in die Literatur der Versuch, ein „freies und ungebundenes“ Leben zu führen, auch wenn das Risiko des Scheiterns groß war.
Er schilderte eindrücklich die finanzielle Situation seiner jungen Familie nach dem Studium. Die Kreativität sei nie das Problem gewesen, sondern die Suche nach einem Verlag.
Finanzierung durch Erziehungsgeld
Habeck enthüllte, dass seine Familie anfangs vom staatlichen Erziehungsgeld lebte. „Jedes Kind hat 300 Mark in die Haushaltskasse gespült“, erklärte er. Nach der Geburt ihrer Zwillinge hatten er und seine Frau Andrea Paluch genau ein Jahr Zeit, um mit dem Schreiben erfolgreich zu sein, bevor sie sich „was Vernünftiges“ hätten suchen müssen.
In dieser Zeit entstand unter einem „sehr harten Arbeitsplan“ ihr erstes gemeinsames Buch, „Hauke Haiens Tod“. Der Plan ging auf: Das Manuskript weckte das Interesse von gleich drei Verlagen. Hätte es nicht geklappt, wäre er wohl Journalist geworden, scherzte Habeck.
Reflexionen über Sprache und Politik
Die Diskussion, moderiert von Tobias Rüther, wandte sich auch der Sprache in der Politik zu. Julian Barnes vertrat die Ansicht, dass politische Kommunikation starr und in einer „Secondhand-Sprache“ gefangen sei. Für einen Politiker sei es „desaströs“, einen Fehler zuzugeben oder sich zu korrigieren.
„Die, die anders reden als die anderen, halten nicht lange durch – zumindest in meinem Land“, konstatierte der Brite.
Habeck, der in seiner Amtszeit oft versuchte, sich durch seine Rhetorik abzuheben, widersprach dieser pauschalen Aussage. Zwar könne man sich als Politiker nicht „dauernd korrigieren“, da dies das Vertrauen der Wähler untergrabe. „Den eigenen Standpunkt aber zu reflektieren, das ist nicht zu viel verlangt“, betonte er.
Er gab jedoch zu, dass der immense Druck des politischen Betriebs zu Momenten führen kann, in denen man sich selbst fremd wird. „Es gibt das, dass man sich dabei ertappt und sagt ‚Was redest du hier eigentlich?‘“, so Habeck. Dies passiere vor allem, wenn der Druck auf alle Beteiligten zu groß werde.
Der Moment des Abschieds
Besonders persönlich wurde es, als Habeck über die Zeit nach seiner Niederlage als grüner Kanzlerkandidat sprach. Dieser Moment sei ein Wendepunkt gewesen, an dem er seine Rolle und seine Motivation fundamental hinterfragte.
Er beschrieb das Gefühl, zur „Form dessen zu werden, was ich eigentlich sein wollte“. Die Freude und die Energie für die politische Arbeit seien ihm abhandengekommen. „Ich hatte das Gefühl, dass ich zu einer Figur meiner eigenen Rhetorik werde, wenn ich einfach weitermache“, erklärte er seinen damaligen Zustand.
Diese ehrliche Selbstreflexion war der Auslöser für seinen schrittweisen Rückzug aus der vordersten Reihe der Politik und führte ihn schließlich zu seinem neuen Leben in Dänemark – mit mehr Abstand zum politischen Berlin und der Möglichkeit, wieder einfach nur beim Bäcker Brötchen zu kaufen.




