Seit Jahrzehnten ist Biggi Wanninger das Gesicht der Kölner Stunksitzung. Als Präsidentin führt sie durch ausverkaufte Abende, doch ein weit verbreitetes Missverständnis ärgert sie: Sie ist nicht die Chefin. Wanninger ist Teil eines Kollektivs, das den Kölner Karneval seit seiner Gründung revolutioniert hat – mit politischer Satire, scharfem Witz und einer klaren Haltung.
In einer Zeit, in der politische Debatten oft von Spaltung geprägt sind, vertritt sie eine offene Haltung. Sie glaubt, dass auch AfD-Wähler im Publikum willkommen sein sollten, denn der Dialog dürfe nicht abreißen. Diese Mischung aus kritischem Geist und Menschlichkeit ist es, die die Stunksitzung und ihre Präsidentin so einzigartig macht.
Das Wichtigste in Kürze
- Biggi Wanninger ist Präsidentin, aber nicht die Chefin der Stunksitzung; alle Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen.
- Sie betont die Wichtigkeit von politischer Satire und Haltung, möchte aber niemanden aus dem Publikum ausschließen, auch keine AfD-Wähler.
- Wanninger blickt auf eine lange Karriere zurück, die im Agnesviertel begann und von politischem Engagement geprägt war.
- Die Zukunft der Stunksitzung sieht sie gesichert, da sie vom gesamten Ensemble und nicht von Einzelpersonen getragen wird.
Mehr als nur die Präsidentin
Wer Biggi Wanninger auf der Bühne des E-Werks sieht, erlebt eine souveräne und schlagfertige Sitzungspräsidentin. Doch hinter den Kulissen funktioniert die Stunksitzung anders als viele vermuten. "Ich leite den Abend und führe durch die Sitzung, aber ich bin nicht die Chefin", stellt Wanninger klar. "Ich habe genauso viel oder wenig zu sagen wie alle anderen."
Dieses Prinzip des Kollektivs ist tief in der DNA der Stunksitzung verwurzelt. Gegründet von Sozialpädagogik-Studierenden, war das Ziel von Anfang an, den "verkrusteten, machohaften Strukturen" des traditionellen Karnevals etwas entgegenzusetzen. Diese Autonomie ist bis heute das Markenzeichen der Gruppe. "Wir sind absolut autonom und niemandem Rechenschaft schuldig", erklärt Wanninger.
Die Stunksitzung: Eine Kölner Institution
Die Stunksitzung entstand in den 1980er Jahren als alternative Karnevalsveranstaltung. Sie verbindet bissige politische Satire mit Musik der Kultband Köbes Underground. Jedes Jahr werden alle 50 Vorstellungen restlos ausverkauft, was den besonderen Stellenwert in der Kölner Kulturlandschaft unterstreicht. Das Programm wird jedes Jahr komplett neu geschrieben.
Der Erfolg gibt ihnen recht. Auch in dieser Saison waren alle 50 Sitzungen ausverkauft. Wanninger sieht den Grund dafür in der Mischung aus 21 unterschiedlichen Persönlichkeiten auf der Bühne, die trotz aller Kritik und Satire eine positive Energie ausstrahlen. "Oft sagt man uns, dass wir sehr viel Menschenfreundlichkeit ausstrahlen. Das finde ich toll, wenn das so ankommt, obwohl wir permanent Menschen in die Pfanne hauen", sagt sie.
Politische Haltung auf der Bühne und im Saal
In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wird die Rolle von politischer Satire immer wichtiger. Die Stunksitzung scheut sich nicht, klare Kante zu zeigen, sei es gegen Donald Trump, Markus Söders "Fleisch-Fetischismus" oder Alice Weidel. Die Nummer über die AfD-Politikerin gehört für viele zu den Höhepunkten des aktuellen Programms.
Die Sorge über den Aufstieg rechter Parteien ist bei Wanninger spürbar. "Ich finde es grauenhaft", sagt sie über die Umfragewerte der AfD. Doch wie erreicht man Menschen, die für solche Parteien empfänglich sind? Wanninger hat eine klare, wenn auch für manche überraschende Antwort.
"Zur Stunksitzung sollen alle kommen dürfen – auch die AfD-Wähler. Ich würde nie sagen: Um Gottes Willen, wir haben AfD-Wähler oder Wählerinnen im E-Werk, die gehören hier nicht hin."
Sie erinnert sich an einen Abend vor zwei Jahren, als sie in einer Nummer hart mit der AfD ins Gericht ging. Der Applaus sei verhaltener gewesen, einige Gäste hätten den Saal verlassen. "Das ist völlig okay, nicht in allem einer Meinung zu sein", kommentiert sie diesen Vorfall. Für sie ist der offene Austausch entscheidend, auch wenn es unbequem wird.
Grenzen des Humors
Für Biggi Wanninger gibt es klare Tabus: Rassismus und Sexismus. Ansonsten plädiert sie dafür, nicht zu viele Scheren im Kopf zu haben. Früher hätte sie bei einer Parodie von Reiner Calmund vielleicht seine Körperfülle thematisiert – etwas, das heute für sie undenkbar wäre. Dennoch warnt sie davor, sich selbst so sehr zu beschneiden, dass gute Witze auf der Strecke bleiben.
Vom Agnesviertel zur Kölner Ikone
Biggi Wanningers Weg auf die Bühne war nicht vorgezeichnet. Geboren in Brühl und aufgewachsen in Kerpen, zog sie mit 19 Jahren nach Köln. Ihre erste Wohnung im Agnesviertel war klein und hatte einen Kohleofen. In dieser Zeit holte sie am Köln-Kolleg ihr Abitur nach und engagierte sich in einem Gewerkschaftschor und einer Polit-Songgruppe.
Ein Schlüsselmoment für ihre Politisierung war der Militärputsch in Chile 1973. "Da dachte ich direkt: Das geht absolut nicht. Das war für mich ein gravierender politischer Moment", erinnert sie sich. Diese Verbindung von Kunst und Politik prägt ihre Arbeit bis heute.
Ihre Bühnenkarriere begann früh, mit 13 Jahren in einer Mädchentanzgruppe und mit 16 als Sängerin einer Band. Dennoch sieht sie ihre Entwicklung als eine Reihe von Zufällen. "Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder Gelegenheiten geboten, mich künstlerisch zu betätigen. Und die habe ich genutzt", sagt sie bescheiden.
Pionierin wider Willen
Vor über 20 Jahren wurde Biggi Wanninger die erste Sitzungspräsidentin in Köln. Damals dachte sie: "Leute, ist das wichtig?" Erst später wurde ihr die Bedeutung dieses Schrittes bewusst. Sie freut sich über jede Frau, die die "gläserne Decke durchbricht", merkt aber auch an, dass Gleichberechtigung erst erreicht ist, "wenn genauso viele unfähige Frauen in Führungspositionen sind wie Männer."
Die Zukunft der Stunksitzung
Mit 70 Jahren denkt Biggi Wanninger gelegentlich über eine "Exit-Strategie" nach. "Bleibe ich, so lange wie ich körperlich noch fit bin? Oder höre ich früher auf, um noch Zeit zu haben, etwas anderes zu machen? Ich weiß das gerade nicht." Der Spaß an der Arbeit ist ungebrochen, und das Team diskutiert bereits, wie die Zukunft gestaltet werden kann.
Sorgen um den Fortbestand der Stunksitzung macht sie sich nicht. "Die Stunksitzung wird durch das ganze Ensemble geprägt und nicht durch einzelne Personen", betont sie. Der Weggang von prägenden Figuren wie Jürgen Becker und Gaby Köster war ein Einschnitt, aber die Sitzung ging weiter. Das Ensemble hat sich im Laufe der Zeit verändert und wird dies auch weiterhin tun.
Auch das Alter sieht sie nicht als Hindernis. Den Gedanken, dass ältere Menschen im Fernsehen oft aussortiert werden, kontert sie gelassen. "Menschen sind erstmal für nichts zu alt. Und wenn jemand nicht mehr gut zu Fuß ist und trotzdem noch auf der Bühne stehen möchte, ja dann eben mit Rollator. Warum nicht?" Es ist diese pragmatische und lebensbejahende Haltung, die Biggi Wanninger auszeichnet – auf der Bühne und dahinter.




