Im Kölner Pantaleonsviertel formiert sich massiver Widerstand gegen die Pläne der Stadt, ein neues Suchthilfezentrum mit Drogenkonsumraum am Perlengraben zu errichten. Bei einer Informationsveranstaltung mit Oberbürgermeister Torsten Burmester kam es zu lautstarken Protesten von hunderten Anwohnern, die um die Sicherheit ihrer Kinder und die Zukunft ihres Viertels fürchten.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Stadt Köln plant ein Suchthilfezentrum mit Drogenkonsumraum im Pantaleonsviertel, um die Drogenszene am Neumarkt zu entlasten.
- Anwohner, darunter viele Familien, protestieren vehement gegen das Vorhaben.
- Die Hauptsorgen sind die Sicherheit auf Schulwegen und eine mögliche Zunahme der Beschaffungskriminalität.
- Bei einer Bürgerversammlung verteidigten Oberbürgermeister Burmester und die Polizei die Pläne trotz des starken Gegenwinds.
Stadtspitze stellt sich der Kritik
Am Dienstagabend war die Aula des Berufskollegs am Perlengraben bis auf den letzten Platz gefüllt. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), Sozialdezernent Harald Rau und Polizeipräsident Johannes Herrmanns stellten sich den Fragen und der Wut der Bürger. Schon vor Beginn der Veranstaltung hatten sich rund 200 Menschen vor dem Gebäude versammelt, um ihren Unmut mit Plakaten und Rufen kundzutun.
Die Stadtverwaltung argumentiert, dass das geplante Suchthilfezentrum (SHZ) dringend notwendig sei, um die seit Jahren untragbare Situation am Neumarkt zu entschärfen. Suchtkranke sollen dort unter hygienischen Bedingungen und unter Aufsicht Drogen konsumieren können. Dies sei ein humanitärer Ansatz, der gleichzeitig den öffentlichen Raum entlasten soll.
Anwohner fürchten um ihre Kinder
Die Sorgen der Anwohner im Pantaleonsviertel sind jedoch groß. Viele Familien leben in dem Quartier, zahlreiche Schulen und Kitas befinden sich in unmittelbarer Nähe des geplanten Standorts. „Der Schulweg darf kein Risiko sein“, stand auf einem der vielen bunten Protestschilder. Ein anderes forderte: „Tausende Schüler vor Drogen schützen“.
Judith, eine Mutter aus dem Viertel, die mit ihren Kindern zur Demonstration gekommen war, brachte die Ängste auf den Punkt. „Wir machen uns Sorgen um die Sicherheit unserer Kinder auf dem Schulweg und auch, was die Beschaffungskriminalität mit dem Veedel macht“, sagte sie. Die Hoffnung, dass der Beschluss noch verhindert werden könne, sei aber noch nicht aufgegeben.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass dieser Beschluss noch verhindert wird.“
– Judith, Anwohnerin im Pantaleonsviertel
Ein Viertel im Ausnahmezustand
Der Widerstand im Veedel ist unübersehbar. In den vergangenen Wochen hat eine neu gegründete Interessengemeinschaft (IG) zahlreiche Plakate an Hauswänden angebracht, die sich klar gegen das Projekt positionieren. Die Stimmung ist angespannt. Die Informationsveranstaltung am Dienstag musste aufgrund des erwarteten Andrangs verlegt werden, nachdem eine Woche zuvor rund 100 Menschen aus Platzgründen abgewiesen werden mussten.
Die Stadt versuchte, mit Transparenz zu reagieren und übertrug die gesamte Veranstaltung live im Internet, um auch diejenigen zu erreichen, die keinen Platz mehr in der Aula fanden. Doch die aufgeheizte Stimmung vor Ort zeigte, wie tief die Gräben zwischen Verwaltung und Bürgern bereits sind.
Hintergrund: Die Situation am Neumarkt
Der Neumarkt im Zentrum von Köln ist seit vielen Jahren ein zentraler Treffpunkt der offenen Drogenszene. Anwohner, Geschäftsleute und Pendler klagen über Verelendung, Kriminalität und ein Gefühl der Unsicherheit. Die Stadt Köln versucht seit Langem, die Situation durch sozialarbeiterische und ordnungspolitische Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Die Einrichtung dezentraler Hilfsangebote wie des geplanten SHZ ist Teil dieser Strategie, um die Szene zu entzerren und den Betroffenen niedrigschwellige Hilfe anzubieten.
Wie geht es weiter im Pantaleonsviertel?
Oberbürgermeister Burmester verteidigte die Entscheidung für den Standort am Perlengraben. Er betonte die Notwendigkeit, den suchtkranken Menschen zu helfen und gleichzeitig die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Polizeipräsident Herrmanns sicherte zu, dass die Polizei die Entwicklung im Viertel genau beobachten und mit erhöhter Präsenz auf mögliche negative Begleiterscheinungen reagieren werde.
Fakten zum geplanten Suchthilfezentrum
- Standort: Eine Grünfläche am Perlengraben im Pantaleonsviertel.
- Ziel: Entlastung des Neumarkts und Bereitstellung eines geschützten Raums für Suchtkranke.
- Angebot: Drogenkonsum unter hygienischen Bedingungen, medizinische Erstversorgung, Sozialberatung.
- Zeitplan: Die Errichtung soll noch in diesem Jahr beginnen.
Trotz dieser Zusicherungen bleiben viele Anwohner skeptisch. Sie fühlen sich von der Stadt übergangen und befürchten, dass die Probleme vom Neumarkt lediglich in ihr Wohnviertel verlagert werden. Die Interessengemeinschaft hat bereits angekündigt, ihren Protest fortsetzen zu wollen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob es der Stadt gelingt, einen Dialog mit den Bürgern zu führen und die Sorgen ernst zu nehmen, oder ob sich der Konflikt im Pantaleonsviertel weiter zuspitzt. Die Entscheidung über das Suchthilfezentrum ist zu einer Zerreißprobe für das Zusammenleben im Veedel geworden.




