Ein Wahlplakat des Nürnberger SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Nasser Ahmed sorgt bundesweit für Diskussionen. Mit dem Slogan „Mein N-Wort ist Nürnberg“ will Ahmed auf Alltagsrassismus aufmerksam machen, erntet dafür jedoch nicht nur Zuspruch. Deutliche Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen – von einem Kölner SPD-Mitglied.
In Nürnberg hängt seit kurzem ein 14 mal 10 Meter großes Plakat am Karl-Bröger-Haus, dem Sitz der örtlichen SPD. Darauf zu sehen ist der OB-Kandidat Nasser Ahmed neben dem provokanten Satz. Die Aktion spaltet die Meinungen und hat eine Debatte über den Umgang mit rassistischen Begriffen im politischen Diskurs ausgelöst.
Wichtige Punkte
- Der Nürnberger SPD-Kandidat Nasser Ahmed nutzt den Slogan „Mein N-Wort ist Nürnberg“ im Wahlkampf.
- Ahmed, Sohn eritreischer Einwanderer, bezeichnet die Aktion als Versuch, das Wort umzudeuten und auf Rassismus hinzuweisen.
- Die Kampagne erhält sowohl Unterstützung als auch scharfe Kritik, unter anderem vom Kölner SPD-Politiker Christophe Twagiramungu.
- Twagiramungu argumentiert, das Plakat reproduziere das rassistische Wort und konfrontiere Betroffene ungewollt damit.
Ein Versuch der Wiederaneignung
Nasser Ahmed, der in Nürnberg geboren und aufgewachsen ist, erklärte die Motivation hinter seiner Kampagne. Er werde aufgrund seiner Hautfarbe bis heute von einer Minderheit beleidigt. Das Plakat solle die Realität für Schwarze Menschen sichtbar machen, die regelmäßig mit dem sogenannten N-Wort konfrontiert seien.
In einem Gespräch mit den „Nürnberger Nachrichten“ nannte er die Aktion einen „Reclaim“, also einen Versuch der Zurückgewinnung. Es gehe darum, den Begriff von seiner rassistischen Bedeutung zu lösen. „Für mich ist Nürnberg eine Stadt, in der nicht Herkunft, Aussehen oder Name zählen, sondern das, was Menschen leisten“, betonte der Politiker. Er fügte hinzu, die beiden wichtigsten N-Wörter in seinem Leben seien der Name seiner Tochter, Namira, und eben Nürnberg.
Hintergrund: „Reclaiming“
„Reclaiming“ oder Wiederaneignung ist eine Praxis, bei der marginalisierte Gruppen abwertende Begriffe aufgreifen und sie mit einer neuen, positiven oder neutralen Bedeutung versehen. Ziel ist es, dem Wort seine verletzende Kraft zu nehmen und es als Symbol des eigenen Widerstands oder der eigenen Identität zu nutzen. Ob dies im Fall des N-Wortes durch eine Einzelperson oder eine politische Kampagne gelingen kann, ist Gegenstand intensiver Debatten.
Geteilte Reaktionen in Politik und Gesellschaft
Die Reaktionen auf das Plakat fielen sehr unterschiedlich aus. In den sozialen Medien fand Ahmeds Ansatz durchaus Unterstützer. Eine Nutzerin schrieb: „Ich bin schwarz, ich lebe in Nürnberg – und ich unterstütze das.“ Sie betonte, niemand habe das Recht, Ahmed vorzuschreiben, wie er mit Rassismus umzugehen habe.
Auch aus anderen politischen Lagern kam Zuspruch. Der ehemalige bayerische FDP-Vorsitzende Martin Hagen kommentierte den Beitrag mit „Nice“ und einem Applaus-Emoji. Paul Kamill Arzten von den Nürnberger Grünen zeigte sich ebenfalls solidarisch.
Gleichzeitig äußerten sich viele Menschen „entsetzt“ über die Kampagne. Eine Nutzerin forderte Ahmed auf, die Reaktionen zu reflektieren und „entsprechende sichtbare Konsequenzen“ zu ziehen. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die öffentliche Zurschaustellung eines zutiefst verletzenden Begriffs.
Kritische Stimme aus Köln
Besonders deutliche Kritik an der Aktion kommt aus der eigenen Partei, genauer gesagt aus Köln. Der SPD-Genosse Christophe Twagiramungu, der selbst afrikanische Wurzeln hat, nannte das Plakat „unsensibel“. Er argumentiert, dass das N-Wort kein individuelles Symbol sei, das eine einzelne Person für sich beanspruchen könne, „erst recht nicht im Wahlkampf“.
„Viele Schwarze Menschen, vor allem Kinder, werden damit im öffentlichen Raum erneut konfrontiert ohne Schutz und ohne Kontext.“
Twagiramungu, der bereits mit 19 Jahren in die SPD eintrat, wünscht seinem Parteikollegen zwar viel Erfolg bei der Kandidatur, sieht in dem Plakat jedoch keine Entmachtung des Wortes. Stattdessen werde es reproduziert und sichtbar gemacht. Für ihn handelt es sich um ein „kollektives Gewaltwort mit einer langen Geschichte von Entmenschlichung“.
Rassismus im Alltag
Studien und Berichte von Antidiskriminierungsstellen zeigen, dass rassistische Beleidigungen und Mikroaggressionen für viele Menschen in Deutschland zum Alltag gehören. Die öffentliche Debatte über den richtigen Umgang mit rassistischer Sprache und Symbolik ist ein zentraler Bestandteil der Auseinandersetzung mit diesem Problem.
Eine Debatte über die Grenzen des Sagbaren
Der Fall des Nürnberger Wahlplakats wirft grundsätzliche Fragen auf. Darf ein Betroffener von Rassismus einen diskriminierenden Begriff im öffentlichen Raum verwenden, um auf Missstände aufmerksam zu machen? Oder überwiegt die Gefahr, andere Betroffene dadurch zu verletzen und den Begriff weiter zu normalisieren?
Die Kontroverse zeigt, wie tief die Wunden sind, die mit diesem Wort verbunden sind. Während der Urheber der Kampagne eine positive Umdeutung anstrebt, empfinden viele andere die Konfrontation mit dem Begriff als retraumatisierend. Die Debatte, die weit über Nürnberg und Köln hinausreicht, wird die SPD und die Öffentlichkeit wohl noch eine Weile beschäftigen. Sie verdeutlicht die Komplexität im Kampf gegen Rassismus und die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit verletzender Sprache.




