Der Kölner Bestsellerautor Frank Schätzing legt mit „Spaceboy“ ein sehr persönliches Buch vor. Es ist eine Hommage an sein Idol David Bowie und zugleich eine Auseinandersetzung mit der eigenen, oft schmerzhaften Jugend in Köln. Im Gespräch offenbart der 68-Jährige, wie er sich als Teenager selbst hasste und wie die Musik ihm half, aus dem Schatten zu treten.
Schätzing, bekannt für seine aufwendig recherchierten Thriller wie „Der Schwarm“, zeigt sich von einer neuen, verletzlichen Seite. Er spricht über Selbstzweifel, den Druck des Erfolgs und die panische Angst, die Leere im eigenen Inneren zu entdecken.
Das Wichtigste in Kürze
- Frank Schätzing veröffentlicht mit „Spaceboy“ sein bisher persönlichstes Buch, eine Hommage an David Bowie und eine Reflexion seiner Jugend.
- Er beschreibt seine Schulzeit am Kölner Gymnasium Kreuzgasse als „finstere Zeit“ voller Leistungsdruck und autoritärer Lehrer.
- Die Entdeckung von David Bowies Song „Space Oddity“ im Musikunterricht wurde für ihn zu einem Wendepunkt und gab ihm Hoffnung.
- Als Teenager litt Schätzing stark unter seinem Aussehen und beschloss mit 17 Jahren, sein Image radikal zu ändern.
- Nach dem Erfolg von „Der Schwarm“ erlitt er einen Burnout, den er durch Meditation überwand.
Eine Jugend im Schatten des Doms
Wer heute den selbstbewussten und erfolgreichen Autor Frank Schätzing erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass er eine schwere Jugend hatte. Seine Zeit am Gymnasium Kreuzgasse in Köln beschreibt er als düster und erdrückend. „Auf der Volksschule hatte man uns noch zum Träumen angehalten“, erinnert er sich. Doch mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule änderte sich alles.
Ein „eisiger Wind“ habe dort geweht, geprägt von strengen Lehrern und reinem Leistungsdruck. Kreative Fächer wie Zeichnen, Schreiben oder Musik, in denen der junge Schätzing seine Stärken sah, zählten kaum. Körperliche Züchtigungen wie Ohrfeigen oder das Ziehen an den Haaren waren keine Seltenheit. In dieser Atmosphäre fühlte sich der spätere Schriftsteller verloren und entwickelte eine „kleine Depression“.
Der Klang der Zukunft
Der entscheidende Wendepunkt kam in Form eines neuen Musiklehrers. Anders als sein Vorgänger, der nur alte Komponisten vorstellte, legte dieser Lehrer moderne Platten auf. Eines Tages spielte er der Klasse „Space Oddity“ von David Bowie vor und sagte den prophetischen Satz: „Ich glaube, das ist die Zukunft der Popmusik.“
„Nach dem Lied dachte ich: Wenn der Typ damit Erfolg hat, ist er der König aller Träume. Dann kann auch aus mir was werden.“
Für den jungen Frank Schätzing war dies eine Offenbarung. Bowies Andersartigkeit und sein Erfolg gaben ihm die Hoffnung, dass auch für ihn ein Platz in der Welt existierte, jenseits der starren Konventionen der Schule.
Der Kampf gegen das eigene Spiegelbild
Die Unsicherheit beschränkte sich nicht nur auf die Schule. Schätzing kämpfte als Jugendlicher stark mit seinem Selbstbild. „Ich war Spätentwickler, blieb lange sehr klein und schmächtig, hatte keinen Bartwuchs“, erzählt er. Dieser Umstand führte zu tiefem Selbsthass.
„Ich fühlte mich ausgegrenzt, weil ich mich nicht mochte.“
Mit 17 Jahren fasste er einen radikalen Entschluss. Er wollte nicht länger der unscheinbare, pickelige Junge im übergroßen Parka sein. Sein Plan: „Du wirst jetzt ein schöner Mann.“
Ein peinlicher Moment
Einer der denkwürdigsten Momente seiner Jugend war der Versuch, sich in den Erotikfilm „Emmanuelle“ zu schleichen. Um älter auszusehen, bastelte er sich aus abgeschnittenen Haaren und Tesafilm einen Schnurrbart. An der Kinokasse des Rex am Ring löste sich die Konstruktion bei 30 Grad Hitze und stand „ab wie ein Gartentürchen“. Die Scham brannte ihm im Gesicht, als er ohne Karte umdrehte.
Er ging die Verwandlung systematisch an: ein neuer Haarschnitt, Gesichtswasser, andere Kleidung. Die Angst, ausgelacht zu werden, war groß, doch der Plan funktionierte. „Ich bin aus dem Schatten ins Licht getreten“, sagt er heute über diesen Schritt, der für sein Selbstbewusstsein entscheidend war.
Was Bowie einzigartig machte
Die Faszination für David Bowie blieb ein Leben lang. Für Schätzing ist Bowie aus zwei Gründen ein einzigartiger Künstler. Zum einen habe es kein anderer Popstar geschafft, über 50 Jahre lang Avantgarde zu sein und immer wieder neue musikalische Impulse zu setzen. „Die Beatles haben das für ein paar Jahre hingekriegt“, so Schätzing, aber Bowie sei konstant innovativ geblieben.
Zum anderen bewundert er Bowies enorme Risikobereitschaft.
„Bowie hat sich und seine Musik immer wieder so radikal neu erfunden, dass er damit jedes Mal seine Fanbase aufs Spiel gesetzt hat. Dieses Wagnis musst du erstmal eingehen.“
Als Beispiel nennt er das Album „Low“ aus Bowies Berliner Zeit. Die Plattenfirma habe sich zunächst geweigert, es zu veröffentlichen, aus Angst, es würde kommerziell scheitern. Doch das Gegenteil trat ein, und das Album wurde von Kritikern und Fans gefeiert.
Bowie und die Familie
Bei den Recherchen für sein Buch fand Schätzing heraus, dass Bowie sein Leben lang von zwei Themen angetrieben wurde: seiner verlorenen Liebe, der Tänzerin Hermione, und seinem Halbbruder Terry, der an Schizophrenie litt. Die Angst, selbst psychisch zu erkranken, da es in der Familie seiner Mutter viele Fälle gab, prägte Bowies Werk tiefgreifend.
Vom Werber zum Bestsellerautor
Schätzings eigener Weg zur Kreativität war nicht geradlinig. Nach der Schule landete er bei der Bundeswehr, wo er auf der „Zeichenstelle“ in Köln-Longerich Dienst tat. Da es keine „Feindbewegungen“ gab, begann er, Kameraden und Vorgesetzte zu porträtieren und aus Knetmasse zu formen. Dies entwickelte sich zu einem lukrativen Geschäftsmodell.
Später arbeitete er erfolgreich in der Werbebranche und gründete seine eigene Agentur. Doch die Arbeit erfüllte ihn nicht vollständig. Nachts begann er, Romane zu schreiben, um seine eigenen Geschichten zu erzählen. Der Erfolg kam, doch er brachte neue Probleme mit sich.
Der Absturz nach dem Erfolg
Nach dem weltweiten Triumph von „Der Schwarm“ folgte der Zusammenbruch. „Nach Jahren der Selbstüberforderung (...) ging plötzlich gar nichts mehr“, so Schätzing. Die Diagnose: Burnout. Er hatte Tag und Nacht gearbeitet, um es allen zu beweisen, doch dabei sich selbst verloren.
Der Ausweg war für ihn die Meditation. Anfangs fiel es ihm schwer, dem Drang zu widerstehen, ständig etwas tun zu müssen. „Ich hatte Angst davor, nicht permanent zu funktionieren, vor der Leere, wenn du nichts tust.“ Doch mit der Zeit lernte er, einfach nur zu sein, ohne zu werten. Diese Praxis half ihm, aus der Krise zu finden.
Auch heute, mit 68 Jahren, plagen ihn noch Selbstzweifel. Er kenne keinen Künstler, der nicht am Hochstapler-Syndrom leide – der ständigen Angst, als Betrüger entlarvt zu werden. David Bowie starb mit 69 Jahren, ein Gedanke, der Schätzing beschäftigt, aber nicht lähmt. „Es fühlt sich so an, als hätte ich gestern erst losgelegt“, sagt er. Sein Ziel ist es, die ihm verbleibende Zeit „auszuwringen bis zum letzten Tropfen“.




