Vor 25 Jahren eroberte ein Lied die Kölner Kneipen und Bühnen, das nicht nur eine Band vor dem Aus bewahrte, sondern auch die Karnevalsmusik für immer veränderte. „Superjeilezick“ von Brings feiert Jubiläum. Doch während die Stadt den Hit feiert, beschäftigt sich die Band mit einer ernsten Frage: Wie lange noch?
Die Kölner Rockband, die heute als feste Größe im Karneval gilt, stand um die Jahrtausendwende an einem Scheideweg. Bassist Stephan Brings erinnert sich an eine Zeit, in der die Perspektiven düster aussahen. Ein Song, ursprünglich als Geburtstagsständchen für die eigene Band gedacht, wurde zur Rettung und katapultierte Brings an die Spitze der kölschen Musikszene.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Song "Superjeilezick" feiert sein 25-jähriges Jubiläum und gilt als Wendepunkt für die Karriere der Band Brings.
- Ursprünglich war das Lied nicht für den Karneval gedacht, sondern entstand in einer Phase der beruflichen Unsicherheit für die Band.
- Die Bandmitglieder, heute alle Familienväter, machen sich Gedanken über die Zukunft und eine mögliche Reduzierung der Auftritte.
- Stephan Brings äußert sich kritisch zur zunehmenden Kommerzialisierung des Kölner Karnevals.
Ein Lied aus der Not geboren
Im Sommer 2000 war die Stimmung bei Brings gedrückt. Große Radiosender hatten ihr Programm umgestellt und für kölsche Bands wie sie war kaum noch Platz. „Um die Jahrtausendwende waren wir an einem Punkt, wo die Perspektive der Band eher nach unten ging“, erklärt Stephan Brings. Die Band existierte bereits seit zehn Jahren, doch der große Durchbruch ließ auf sich warten.
In dieser Phase brachte Sänger Peter Brings die Idee für „Superjeilezick“ in den Proberaum im alten Kölner Großmarkt. „Wir haben den Song dann zwischen den grünen Bananen, die um uns herum zum Nachreifen lagen, einstudiert“, so Stephan Brings. Der Plan war simpel: ein Lied zum eigenen zehnjährigen Bestehen. Mit Karneval hatte die Rockband damals nichts zu tun.
Der unerwartete Weg in den Karneval
Nachdem eine erste Aufnahme fertig war, präsentierte die Band den Song ihrer Plattenfirma. Dort erkannte man sofort das Potenzial. „Für die beiden war sofort klar: 'Wenn man damit in den Karneval geht, wird das ein Hit'“, erinnert sich der Bassist. Die Single wurde in den Kölner Kneipen verteilt und zündete sofort.
Der Erfolg überraschte die Band. Die Karnevalsmusik war damals eine andere. Mit Textzeilen wie „Maach noch ens die Tüt an“, einer klaren Anspielung auf den Konsum von Cannabis, brach Brings ein Tabu. „Das haben die ganzen komischen Typen vom Festkomitee aber nicht gerafft, die haben bei 'Superjeilezick' auch einfach mitgesungen“, meint Brings heute schmunzelnd.
Die Rolle der Höhner
Interessanterweise wollte Brings den Song ursprünglich mit den Bläck Fööss aufnehmen, doch dort kam keine Entscheidung zustande. Die Höhner hingegen zeigten Interesse, unterschätzten den Song aber zunächst. Sie sicherten sich die Verlagsrechte und nahmen Brings im Gegenzug mit auf die großen Karnevalsbühnen, wie direkt in die damalige Kölnarena. Diese Zusammenarbeit ebnete den Weg für den kometenhaften Aufstieg von Brings im Karneval.
Die Revolution der Karnevalsmusik
„Superjeilezick“ traf einen Nerv. Das Lied beschrieb das Kölner Lebensgefühl authentischer als viele andere Karnevalslieder zuvor. Es ging um Partys, das Anrufen von Frauen zum Tanzen und sogar um „Schnee im August“, eine Metapher für Kokain. „Wir haben da vielen Kölnern aus der Seele gesprochen. Der Karneval hat dieses Lied einfach gebraucht“, analysiert Stephan Brings den Erfolg.
Gleichzeitig enthielt der Refrain „Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick“ eine nostalgische und warnende Komponente, die auch die Situation der Band widerspiegelte. Ohne diesen Hit wäre die Zukunft ungewiss gewesen. Ob sich die Band aufgelöst hätte, ist fraglich, aber das erreichte Erfolgslevel wäre wohl außer Reichweite geblieben.
„Wir hatten ja auch Verpflichtungen, waren vor 25 Jahren alle Mitte 30 und Familienväter: Das Geld musste irgendwie durch die Musik reinkommen.“ - Stephan Brings
Veränderungen im Fastelovend
In den 25 Jahren seit „Superjeilezick“ hat sich der Kölner Karneval stark verändert. Stephan Brings beobachtet eine zunehmende Kommerzialisierung, die er kritisch sieht. „Der Karneval und seine Musik sind seit 'Superjeilezick' viel kommerzieller geworden“, stellt er fest. Früher sei vieles ehrenamtlich gelaufen, heute gäbe es unzählige Auftrittsmöglichkeiten, die einen enormen Druck erzeugen.
Wandel der Musik
Eine weitere Entwicklung ist der Trend zu Techno-Remixen. Selbst Brings hat von ihrem neuen Song „Lääv di Lääve“ direkt nur die Remix-Version veröffentlicht. Laut Stephan Brings sei die Originalversion „viel zu brav“ gewesen. Diese elektronisch aufgepeppten Versionen seien online und bei Partys, etwa auf Mallorca, deutlich erfolgreicher.
Diese Kommerzialisierung gefährde vor allem kleinere Karnevalsvereine, denen es an ehrenamtlichem Nachwuchs fehle. „Die Kommerzialisierung des Karnevals muss gedeckelt sein, sonst wird der Fastelovend das nicht überleben“, warnt der Musiker. Für ihn ist der Karneval essenziell: „Der Karneval macht das Leben echt erträglich.“
Die Zukunft von Brings: Ein Riesenthema
Nach über 35 Jahren auf der Bühne ist die Frage nach dem Karriereende für die Band unausweichlich geworden. „Das ist ein Riesenthema bei uns, aber nicht so leicht“, gibt Stephan Brings zu. Die Bandmitglieder wollen ihren energiegeladenen, rockigen Stil beibehalten, aber gleichzeitig die Anzahl der Auftritte reduzieren.
Dieses Vorhaben gestaltet sich jedoch schwierig. Über die Jahre sind tiefe Verpflichtungen gegenüber Vereinen und Gesellschaften entstanden. Eine Reduzierung der Auftritte könnte diese Veranstalter in Schwierigkeiten bringen. „Das ist wirklich ein wunder Punkt für uns: Wir haben diese Verpflichtungen tief in den Karneval hinein, wollen uns aber auch nicht kaputtmachen“, beschreibt Brings das Dilemma.
Gesundheit hat Priorität
Ein Austausch einzelner Bandmitglieder kommt für ihn nicht infrage. „Das glaube ich nicht, das wäre dann nicht mehr Brings.“ Die Priorität liegt klar auf der Gesundheit. Jede Session ist ein Marathon, bei dem es darum geht, gesund durchzukommen. Die Nähe zu den Fans, die für den Erfolg im Karneval unerlässlich ist, birgt auch Risiken.
„Alle husten dich an, alle packen dich an – das ist nicht immer so lustig“, sagt Brings. Doch genau diese Nähe sei es, was die Rheinländer an ihren Bands lieben. Wer im Karneval auf Distanz gehe, könne keinen Erfolg haben. Für Brings und seine Kollegen bleibt es ein Balanceakt zwischen Leidenschaft, Verpflichtung und der Sorge um die eigene Gesundheit.




